Durch die Wende traumatisiert

Erstellt am 06.12.2019

Von Kathrin Koppe-Bäumer

SOEST-ARNSBERG. Dritter und letzter Teil des Reiseberichts über die Fahrt des Kirchenkreises nach Thüringen:

Viele Thüringer haben seit der Wende das Vertrauen in die Evangelische Kirche verloren. Die Vereinigung der westlichen und östlichen Kirchen zur EKD bedeutete für sie die Einführung der Kirchensteuer, die Abschaffung traditioneller Berufe wie der Kantor-Katechetin, die Einführung des Religionsunterrichts und die Übernahme der Militärseelsorge.

Viele Christen und Konfessionslose fühlen sich durch die Wende traumatisiert und geben westlichen Politikern die Schuld dafür. Evangelische Kirche nach westlichem Muster wird als Staatskirche wahrgenommen. Und- das hat die Ost-Geschichte gelehrt – dem Staat kann man nicht trauen. Diese Prägung im Osten ist 30 Jahre nach der Wende noch präsent. So ist eine Hauptaufgabe der Pfarrer und Ehrenamtlichen, auf allen Ebenen Vertrauen zu entwickeln und Mut zu machen, mündig zu eigenen Gefühlen zu stehen  und bewusst Eigenverantwortung zu übernehmen.

Wichtig dabei ist, wahrhaftig mit den eigenen Gefühlen und den Gefühlen der anderen umzugehen. Diese Aufgabe stellt sich zum Beispiel, wenn Dorfbewohner anfragen, ob sie eine weltliche Trauerfeier in der Kirche abhalten dürfen. Jeder Kirchengemeinderat findet dazu seinen Beschluss: Kompromisse sind möglich, aber evangelisches Profil soll bleiben.

So wurde in Vogelsberg beschlossen, weltliche Trauerfeiern in der Kirche zuzulassen, wenn die Pastorin dabei sein kann, ein Gebet und den Segen spricht. „Dann kann es passieren, dass beim Segen die ganze Gemeinde mir den Rücken zudreht“, erinnert sich Denise Scheel an eine eindrucksvolle Trauerfeier.

Die Gäste aus dem Westen waren tief bewegt von den vertrauensvollen Gesprächen, den eindrucksvollen Kirchen und den kreativen Ideen und Aktivitäten. Pfarrer Hans-Jürgen Bäumer aus Meschede beeindruckte besonders, wie evangelische Gemeinden vor dem Hintergrund stark säkularisierter Gesellschaft versuchen, die Interessen aller Bürger und Bürgerinnen mit den Gemeindeanliegen zusammenzubinden: „So fanden auch stark religionskritische Menschen Kontakt zur christlichen Gemeinde“.

Udo Arnold aus Neheim zog folgendes Fazit: „Für mich selbst waren die Begegnungen sehr herzlich, gastfreundlich, aufschlussreich und ermutigend. Selbst unter in mancher Hinsicht deutlich schwierigeren Bedingungen als bei uns suchen und finden Christen einen Weg als Kirche in die Zukunft.“

 

 

Die Besuchsgruppe im Gespräch mit Pfarrer, Gemeindepädagogin und Kantorin, die für die Kinder-und Jugendarbeit im Osten des Kirchenkreises zuständig sind.

Kirchenälteste, Pfarrer Dietmar Schorstein aus Olsberg-Bestwig und Pfarrer Andreas Simon aus Rastenberg waren verantwortlich für den Gottesdienst am Sonntagmorgen in Olbersleben.