Als UK-Botin in der Schule des Lebens

Erstellt am 20.11.2020

 

Von Dorothea Richter

HIRSCHBERG -Beim Schreiben dieses Artikels lasse ich meine Gedanken ein wenig schweifen, die mich in das Jahr 1964 katapultieren: Damals war ich 12 Jahre alt und hatte in der evangelisch-reformierten Kirche meines Heimatortes  mit dem Katechumenenunterricht angefangen. Die Älteren kennen diese Bezeichnung sicherlich noch gut.

Bis zur Konfirmation mussten wir zwei Jahre lang büffeln: erst als Katechumen(in) und dann als Konfirmand(in). Als Kinder und heranwachsende Jugendliche war das alles andere als ein „Zuckerschlecken“. Konnten wir die Hausaufgaben, die uns der Pastor nach jeder Stunde aufgab, beim nächsten Mal nicht korrekt auswendig hersagen, mussten wir anschließend unsere Schreibqualitäten unter Beweis stellen und Bibelverse, Lieder, oder Texte aus dem alten Katechismus mit sauberer Schrift in eine Kladde niederschreiben.

„Abschreiben“ hieß das Zauberwort zu der  Zeit und ich weiß noch genau, dass sich alle bemühten, dass es beim dreimaligen blieb und sich nicht multiplizierte. Manch einer hat es leider nicht geschafft...

Aber sorry, jetzt gleiten meine Gedanken wieder ein wenig ab - was eigentlich gar nicht so schlecht ist - denn so ruft man sich die Erinnerungen zurück.

Ja, also das mit dem „strengen Pastor“ und dem Abschreiben war nicht so toll, aber es gab zum Glück auch viele schöne Momente in der zweijährigen Vorbereitungszeit zu meiner Konfirmation. Einer ist auf eine angenehme Weise mit der Zeitung „Unsere Kirche“  verbunden. Und jetzt komme ich auch zum Kern der Geschichte: Von 1964 bis 1966  gehörte ich zu den so genannten Boten der „UK“, wie sie auch heute noch gern genannt wird. Das bedeutete, die Kirchenzeitung kam nicht per Post zu den Abonnenten, sondern wurde durch die jeweilige Gruppe der „Konfirmanden-AnwärterInnen“ an diese verteilt.

Nach dem Ende des kirchlichen Unterrichts, immer donnerstags, drückte uns der Pastor die Zeitungen in die Hand: „Spätestens bis Samstag müsst ihr die Zeitungen verteilt haben“, spornte er uns jedes Mal zum ehrenamtlichen Dienst in der Gemeinde an.

Und da die ganze Mannschaft mitziehen musste, hielt sich die „Arbeit“ in Grenzen. Allerdings gab es dafür kein Geld. Ich kann mich aber noch gut erinnern, dass mir die Leute 20 oder auch schon mal 50 Pfennige schenkten, oder ich bekam einen Dauerlutscher, Karamellbonbons und Apfelsinen.

Da Süßigkeiten damals eine Rarität waren, freute ich mich sehr darüber, die Groschen legte ich entweder zur Seite, oder kaufte mir meine Lieblingssüßigkeit:  mit Schokolade gefüllte Bonbons, die waren sooo lecker und gab es nur beim Friseur im Dorf. 

Manchmal hatte ich aber auch keine rechte Lust, die UK auszutragen, dann mahnte meine Mutter: „denk dran, du musst die Zeitungen noch wegbringen“. 

Der weiteste Weg, den ich für das Austragen zu laufen hatte, führte über einen staubigen Feldweg zu einem alten Forsthaus am Waldrand. Da es noch keine Flurbereinigung gab, war der Weg naturbelassen mit vielen Löchern und wild wachsenden Heckenrosen und Brombeersträuchern am Rand. An heißen Sommertagen tummelten sich hier ganz viele kleine Frösche. Die kleinen „Hüpfer“ ließen sich sehr leicht auf die Hand nehmen und waren einfach nur allerliebst mit ihrem winzig kleinen Körper.

Ich war noch nicht  ganz am Forsthaus angekommen, da „schlugen“ die Jagdhunde an und auf mein Klingeln hin öffnete die Förstersfrau die Tür. „Oh, das ist aber schön, dass du uns wieder die Kirchenzeitung bringst“, empfing sie mich freundlich, erkundigte sich nach dem Unterricht und wann denn meine Konfirmation sei. Mit „Gruß an zu Hause“ trat ich den Heimweg an und hatte das Gefühl, ein „gutes Werk getan zu haben“.

Das hatte ich auch besonders bei einer alten und kränklichen Frau, der ich ebenfalls wöchentlich die Kirchenzeitung vorbeibrachte. An ihrem schlurfenden Schritt mit den weichen Pantoffeln erkannte ich schon, wie es ihr ging. Sie hatte  Rheuma und war trotz ihrer chronischen Schmerzen ein sehr geduldiger Mensch mit einem großen Glauben: „Der Herr Jesus weiß, warum ich das alles mitmachen muss“, sagte sie zu mir.

Oft bat sie mich, doch hereinzukommen und sie war froh, dass jemand da war, der zuhörte. Es verging auch keinen Tag, an dem sie nicht die Bibel zur Hand nahm und betete. Ich gab mir immer viel Mühe, still da zu sitzen und ein offenes Ohr zu haben. Aber manchmal reichte meine Geduld nicht aus und ich blieb dann nicht so lange. Vorher ging die alte Frau aber noch an den Küchenschrank und gab mir zum Abschied und mit einem milden Lächeln im Gesicht  etwas Süßes in die Hand.

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, war es gar nicht ungewöhnlich, dass auch Jugendliche früh an Aufgaben herangeführt wurden, sich um alte Menschen zu kümmern. So wuchs bereits in jungen Jahren die Erkenntnis, dass das Leben ganz schön hart sein konnte und Freud und Leid oft so nahe nebeneinander liegen.

 

 

So ändern sich die Zeiten: Früher war Dorothea Richter als Botin für die UK unterwegs, heute schreibt sie als Mitarbeitern des Evangelischen Kirchenkreises Soest-Arnsberg Artikel für „Unsere Kirche“. Foto: Hans-Albert Limbrock