Ein Lied geht um die Welt

Erstellt am 11.12.2020

 

Von Dorothea Richter

WARSTEIN - Nur noch ein paar Tage, dann steht sie vor der Tür: die Heilige Nacht. Sie wird anders sein als sonst - stiller vermutlich. Jeder für sich wird sich schon lange vorher Gedanken gemacht haben, wie man in diesem Jahr Weihnachten feiert. Allerdings wäre es gut, sich dabei eins vor Augen zu halten: die Welt ist zwar eine andere seit Corona, doch Gott ist der Gleiche. Gott sei Dank!

Jetzt haben wir mal alle Zeit der Welt herauszufinden, wo eigentlich die Menschen herkommen, welche die „Stille, heilige Nacht“ sprachlich und musikalisch beschrieben haben.

Die Spurensuche dazu beginnt im Winter am Nachmittag des 24. Dezembers im Jahre 1818 in Österreich in Oberndorf...

Hilfspfarrer Joseph Mohr bereitet die Christmette für den Heiligen Abend in der Pfarrei St. Nikola vor. Mit Entsetzen stellt er fest, dass die Orgel gerade ihren Dienst versagt. Katastrophe! Ein Gottesdienst ohne Musik, undenkbar für ihn. Das kann er den Menschen in seiner Gemeinde, denen es ohnehin sehr schlecht geht – das Fürstentum Salzburg hatte seine Selbständigkeit verloren; ein Teil Salzburgs wurde Bayern zugesprochen, der größere kam zu Österreich – nicht antun.

Die Salzach, welche über Jahrhunderte den Salztransport und damit für die Grundlage des Wohlstandes im Ort sorgte, stellte nun die neue Staatsgrenze dar. Damit wurde Oberndorf von seinem Stadtzentrum in Laufen getrennt und die Schiffer, die Schiffbauer und der ganze Ort gingen sehr unsicheren Zeiten entgegen. An all das muss der 26-jährige Hilfspfarrer denken, als er sich auf den Weg macht und durch den Schnee stapft, in das zwei Kilometer entfernte Arnsdorf, zu seinem Freund und Organisten Franz Xaver Gruber. Verzweifelt überreicht er ihm ein sechsstrophiges Gedicht mit der Bitte, hierfür eine passende Melodie für zwei Solostimmen, samt Chor und Gitarrenbegleitung zu komponieren.

Gruber will seinem aufgelösten Freund helfen und macht sich an die Arbeit. Er entwirft auf die Zeilen von Joseph Mohr`s  „Stille Nacht, heilige Nacht!“ eine einfache aber wundervolle Wiegenmelodie. Nach der Christmette singen die beiden das frisch komponierte Lied im Männer-Duett: Joseph Mohr die Oberstimme und Gitarrenbegleitung, Franz-Xaver Gruber singt den Bass dazu.

Die Oberndorfer sind beeindruckt und tief gerührt und spüren den Trost, der von diesem Lied ausgeht. Was sie nicht ahnen: an diesem Abend wird ein Lied geboren, das sich den Weg über das Tiroler Zillertal, ins restliche Europa, nach Amerika, in die ganze Welt bahnt.

Bereits zur Jahrhundertwende singt man das heute berühmteste Weihnachtslied - verbreitet durch protestantische und katholische Missionare - auf allen Kontinenten. Im Salzburger Land selbst gelingt ihm aber erst der Durchbruch durch die Aufnahme in ein offizielles Kirchenbuch im Jahre 1866.

Seit 2011 gehört es zum immateriellen Kulturerbe, weil es laut UNESCO die Art und Weise repräsentiert, „wie und warum man Weihnachten feiert“. Wie kein anderes steht das weltweit berühmte Lied für eine besondere Stimmung, die man zum einen mit dem Weihnachtsfest verbindet, die andererseits auch eine Sehnsucht nach Frieden und Geborgenheit auslöst. Diese Wirkung des Weihnachtsliedes muss von Anfang an dagewesen sein, anders kann man sich die rasante Ausbreitung nicht erklären.

Als die beiden Männer die „Stille Nacht, heilige Nacht!“ während der Christmette in Oberndorf uraufführen, herrschen schwere Zeiten: halb Europa ächzt unter den Folgen der Kriege, die Sehnsucht nach besseren Zeiten ist auch in Oberndorf groß.

Und in dieser Zeit kommen zwei Menschen zusammen, nämlich der Hilfsprediger Joseph Mohr sowie der Organist und Lehrer Franz-Xaver Gruber, der 31 Jahre alt ist. Die beiden eint nicht nur der Glaube, sondern ihr großes musikalisches Talent. Mit ihrem anrührenden Weihnachtslied gelingt es ihnen, den Menschen Hoffnung zu geben.

„Gott selbst kommt da in dem geborenen Kind auf die Welt. In Jesus umschließt die Liebe Gottes alle Völker dieser Erde!“ Das herzerwärmende Lied kommt genau zum richtigen Zeitpunkt und führt zu einer großen Ergriffenheit bei allen Zuhörenden. Diese Ergriffenheit verfehlt auch ihre Wirkung im Ersten Weltkrieg Dezember 1914 nicht: Die verfeindeten Soldaten an der Westfront singen am Heiligen Abend gemeinsam über die Schützengräben hinweg „Stille Nacht, heilige Nacht!“ Diese kurze Verschnaufpause ging als „Weihnachtsfrieden“ in die Geschichte ein.

Heute wird das „Lied aller Lieder“ in 330 verschiedenen Sprachen und Dialekten rund um den Globus gesungen und rührt viele Menschen zu Tränen.

Über das Leben der Erschaffer des Liedes geben im Salzburger Land sieben „Stille-Nacht-Orte“ Auskunft.

Die beiden Männer Joseph Mohr und Franz Xaver Gruber blieben ein Leben lang freundschaftlich miteinander verbunden. Im Gegensatz zu seinem Freund hat Gruber die ersten Erfolge des Liedes „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ in Deutschland noch miterlebt.

Im Jahre 1854 stellte er in einer „Authentischen Veranlassung“ mehrere Irrtümer richtig. Unter anderem, dass das Weihnachtslied nicht aus dem Tiroler Zillertal stammte, sondern der wahre Ort der Entstehung in Oberndorf im Salzburger Land lag. Franz Xaver Gruber stirbt im Jahre 1863 an Altersschwäche.

Den ganz großen Weltruhm seines Liedes sollten erst seine Nachfahren erleben. Bis heute werden in den Kirchen die ersten drei Strophen des Liedes gesungen. 

 

 

Auch in Warstein ist „Stille Nacht, Heilige Nacht“ das beliebteste Weihnachtslied. Ingrid Knop, Küsterin der Martin-Luther-Kirche in Warstein, hat schon einmal die passende Seite von Lied Nummer 46 aufgeschlagen. Foto: Dorothea Richter.