In Ton gebrannte Liebe

Erstellt am 19.02.2021

Ein Leben für und mit Gott: Dorothea Steigerwald hat der Nachwelt ein beeindruckendes künstlerisches Erbe hinterlassen.

 

Von Dorothea Richter

HIRSCHBERG/MARBURG  - Ein kleines Mädchen, das sein Köpfchen vertrauensvoll in eine große Hand schmiegt. Wohl kaum eine Figur ist so berühmt wie die christliche Tonskulptur „Bleib sein Kind“ von der Diakonisse und Künstlerin Dorothea Steigerwald. Ein anrührendes Motiv, das die Geborgenheit in Gottes Händen ausdrückt und ans Herz geht.

„Ich will den Menschen ganz einfach sagen, dass da einer ist, der sie liebt“, sagte Steigerwald einmal und hat dieses Anliegen zu ihrem Hauptthema in ihrer beeindruckenden Tonkunst gemacht. Bis heute ist diese Tonplastik unzähligen Menschen zum Segen geworden und predigt auch ohne Worte; ermutigt zum stillen Vertrauen auf Gott.

Dorothea Steigerwald wird am 3. Januar 1918 als fünftes von sechs Kindern in Duisburg geboren. Zu ihrer gut ein Jahr jüngeren Schwester Adelheid entwickelt sie eine äußerst innige Beziehung. Die anderen vier Geschwister sind wesentlich älter. Das Aufwachsen in einem musisch geprägten Umfeld und mit liebevollen Eltern gibt ihr ein großes Urvertrauen.

In der Nähe des Elternhauses befindet sich eine Sandkuhle, in der die kleine Dorothea mit allen Kindern aus ihrer Straße spielt. Schon früh formt sie aus Sand Häuser, Brezeln und eine Bäckersfrau. Zu der Zeit ahnt sie nicht, dass damit der Anfang zum figürlichen Gestalten gemacht ist.

Früh  in ihrer Kindheit fühlt sich Dorothea Steigerwald zu Kirche und Glauben hingezogen. Sie besucht den Kindergottesdienst und nach ihrer Konfirmation den Jungmädchenverein sowie den EC-Jugendbund. Sie liest viel in der Bibel und vertraut mit 17 Jahren ihr Leben Jesus Christus an. Gemeinsam mit ihrer Schwester Adelheid sieht sie ihre Zukunft und Berufung als Diakonisse und tritt im Jahre 1937 in die Schwesternschaft des Diakonissenhauses „Hebron“ in Wehrda/Marburg ein.

Im Gegensatz zu  Adelheid ist Dorothea still und eher schüchtern und hat in der ersten Zeit viel Heimweh. Nach kurzer Zeit wird sie in die Vorschule des Kindergärtnerinnen-und Hortnerinnen-Seminars gesendet, wo sie ihre Mittlere Reife nachholt und 1941 Kindergärtnerin wird.  Danach beginnt sie mit der Ausbildung zur Krankenschwester in Koblenz, die sie zwei Jahre später erfolgreich mit dem Examen abschließt.

In den weiteren Kriegsjahren betreut Schwester Dorothea Kinder im Kinderheim Bethesda in Marburg. Eine schwere Zeit, in der sie viele Nächte mit den Kindern im Luftschutzkeller zubringt. Eine Zeit, in der sie sich immer wieder „im stillen Vertrauen übt“.

Ihr weiterer Weg führt sie nach Braubach/Rhein zum Wiederaufbau des dortigen Kindergartens, über Mühlheim-Styrum und nach gut zehn Jahren in den Ort Bergzabern, bis hin in den Taunus.

„Rückblickend war Braubach für mich der Sprung in ein neues Leben, von da an war ich nicht mehr ängstlich und schüchtern“, schrieb die Diakonisse in ihren Erinnerungen.

Bergzabern sei für sie die schwerste Station gewesen. Hier in dem Kinderheim „Emilienruhe“, wo sie als Leiterin viele Waisenkinder und Kinder mit schwierigem familiären Hintergrund betreut, ist es ihr ein großes Anliegen, diesen Kindern  mit Liebe zu begegnen. Liebe, die sie selbst von Jesus Christus empfangen hat.

Unter diesem Eindruck stehend - und weil eine Mitschwester sie um eine Plastik bat als Geschenk – formte Dorothea Steigerwald die Tonplastik  „Bleib sein Kind“.

Das war 1963 - die Geburtsstunde der Figur und der Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn, in der noch  zahlreiche Werke entstehen sollten. Mit ihren ausdrucksstarken Skulpturen hatte sie eine Sprache gefunden, um einerseits das kindliche Leid auszudrücken, um aber auch ein sichtbares Zeichen göttlicher Liebe zu setzen, die Wärme, Geborgenheit, Trost, Zuversicht, Schutz und Hoffnung vermitteln soll.

Ihre Plastiken stellen meistens Kinder dar, sie denkt dabei an das Wort Jesu: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, dann könnt ihr nicht in das Reich Gottes kommen“.

Eher zufällig entdeckte die schöpferische Diakonisse ihre künstlerische Begabung während ihrer Zeit in Mühlheim. Hier belegte sie zwei Semester bei einer Bildhauerin an der Volkshochschule. Bei zahlreichen Plastiken ihrer christlichen Tonskulpturen spielten die Hände eine große Rolle. Hände, die Schutz und Geborgenheit symbolisieren sollen.

Dorothea Steigerwald bekommt Verbindung zum Brendow-Verlag, der durch ihre Motive einen Aufschwung erlebt, zunächst durch den Nachdruck von Fotos ihrer Tonarbeiten. Wegen der großen Nachfrage stellt die Diakonisse einige ihrer Urformen zur Verfügung, von denen Repliken in Ton und Bronze angefertigt werden.   

Ab 1969 finden regelmäßige Ausstellungen statt, Schwester Dorothea und ihre Werke werden immer bekannter. Von der Mutterhausleitung wird ihre Gabe, zu modellieren, zunächst nicht als Auftrag gesehen. Ihre Werke entstehen in all den Jahren neben ihrer Tätigkeit als Erzieherin. Sie selbst ist  sich aber gewiss, dass es sich um einen Auftrag von Gott handelt. Mit ihrer „Mission in Ton“  sieht sich von ihm an diesen Platz gestellt.

Im Jahre 1980 stellt die Mutterhausleitung die „töpfernde Diakonisse“ ganz von ihrem 40-jährigen Dienst mit Kindern frei, so dass sie sich fortan nur noch ihrer Kunst widmen kann. Zunächst bezieht sie gemeinsam mit ihrer Schwester eine Wohnung mit Atelier und Ausstellungsraum in der Schwanalle in Marburg. Hier hat Schwester Dorothea jetzt die Möglichkeit, neben dem Gestalten von Plastiken auch Gruppen zu führen. Aus allen Himmelsrichtungen kommen Besucher, die ihre Ausstellung und Plastiken sehen wollen.

Einen schweren Einschnitt muss sie im Jahre 1992 verkraften, als  ihre Schwester Adelheid nach schwerer Krankheit stirbt. Die beiden Schwestern erlebten die ganzen Jahre eine segensreiche Zeit miteinander, und Adelheid war für Dorothea so etwas wie „Aaron für Mose“. Sie hat das Reden übernommen, Führungen geleitet und war für die wirtschaftliche Seite zuständig.

Bis 2007 folgt Dorothea ihrer zweiten, kreativen Berufung: „Diene Gott und den Menschen mit der Gabe, die ich dir gegeben habe.“ 

Als ihre Sehkraft immer mehr nachlässt, zieht sie in das Feierabendhaus des Mutterhauses ein, wo sie liebevoll bis zu ihrem Tod im Jahre 2014 versorgt und gepflegt wird. Sie wird 96 Jahre alt. Ihre Werke aus Ton geben bis heute Zeugnis von ihrem tiefen Glauben an Gott.

Mehr dazu: www.diakonissenmutterhaus-hebron.de

 

 

 

Die Tonskulptur „Bleib sein Kind“ ist wohl das berühmteste Werk von Dorothea Steigerwald. Fotos: Diakonissenmutterhaus „Hebron“

Hände sind ein Motiv, auf das die Diakonissin immer wieder zurückgegriffen hat.

Hubert Bräutigam aus Hirschberg hat vor einigen Jahren das Motiv „Zuflucht“ von Dorothea Steigerwald aus Holz (nach)geschnitzt. Foto: Dorothea Richter