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Mit allen Menschen ins Gespräch kommen

27.8.2026

Superintendent Dr. Maniel Schilling kündigt Aktionen zur Landtagswahl in NRW an

Im Januar 2024 hat Superintendent Dr. Schilling in Soest und anderswo an Demos gegen Rechts teilgenommen. ImVorfeld der NRW-Landstagswahlen sucht er den Dialog mit Wählerinnen und Wählern der AfD. Foto: Hans-Albert Limbrock

Soest. Im dritten und letzten Teil des Sommer-Interviews mit Öffentlichkeitsreferent Hans-Albert Limbroick spricht Superintendent Dr. Manuel Schilling über die bevorstehende Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im April kommenden Jahres und was der Kirchenkreis dazu an Aktionen plant.

 

Im kommenden Jahr sind im April in NRW Landtagswahlen. Wird sich der Kirchenkreis hier politisch positionieren?

MANUEL SCHILLING: Das Grundgesetz der Kirche zielt auf eines, auf versöhnte Verschiedenheit. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“, schreibt der Apostel Paulus im Galaterbrief. Paulus blickt hier explizit auf die Gemeinschaft innerhalb der Kirche. An anderer Stelle werden dafür Begriffe aus der politischen Sphäre verwendet: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.“ Und Christus betet im großen Hohepriesterlichen Gebet im Johannesevangelium kurz vor seinem Leiden: „Damit sie alle eins seien.“ – „Ut unum sint“. Alle diese biblischen Hinweise strahlen vom Bereich der Kirche aus auf das gesamte Leben der Christen, auch auf unsere politische Existenz.

Wir alle sind in der postmodernen multimedialen unüberschaubar vernetzten Welt heimatlos geworden, zurückgezogen in unsere Bubbles, ertaubt durch das diffuse Grundrauschen unserer Echokammern, vereinsamt. Aus dem Schmerz über diese Einsamkeit saugt der Populismus seine Kraft. Er droht unser Zusammenleben, unsere Gesellschaft und schließlich unsere Persönlichkeiten, unsere Menschlichkeit auszusaugen.

 

Welchen Beitrag kann Kirche da leisten? Wie kann man gegensteuern?

Ich halte es für die dringlichste Aufgabe der Kirche in unseren Tagen, Brücken über die Gräben zu schlagen, Wege zwischen den Lagern zu ebnen, die Wände der Blasen zu durchstoßen, die Ohren zu öffnen und das Gehör für die Stimmen derer zu schärfen, die mir fremd sind. So können wir dem Populismus seine giftige Spitze brechen.

Es geht nicht mehr um eine bestimmte politische Agenda, sei sie früher einmal rechtskonservativ obrigkeitsverbunden und später linksalternativ friedensbewegt gewesen. Es geht darum, demokratische Grundregeln überhaupt als eine Gabe des Heiligen Geistes zu ehren und zu achten. Es geht darum, mit allen Menschen ins Gespräch zu treten. Ja, auch mit denen, die populistisch denken und wählen wollen.

Gerade mit ihnen muss die Kirche reden. Sie muss ihnen zuhören. Denn irgendwo drückt ja gewaltig der Schuh, dass die Menschen auf solche politischen Irrwege geraten. Und sie darf genau diesen Menschen die Botschaft der versöhnten Verschiedenheit, der Gastfreundschaft, der angstlosen Großzügigkeit in Christus nicht schuldig bleiben.

 

Was ist bisher konkret geplant?

Die Evangelische Kiche Mitteldeutschlands hat es uns vorgemacht. Die bilden derzeit sogenannte „Friedensreiter“ aus, Ehrenamtliche, die bereit sind, Gespräche zwischen politischen Gegnern zu eröffnen. Wir wollen ähnlich in den Monaten direkt vor der Landtagswahl nächsten Jahres Menschen in unseren Gemeinden schulen, in Gesprächen mit Populisten gelassen und unbeeindruckt zu bleiben und eine Alternative zum Hass aufzuzeigen. Wir wollen diese Menschen in die Quartiere, Stadtteile, Fußgängerzonen und auf die Marktplätze entsenden.

Das Ganze entwickelt unser Kirchenkreis in enger Abstimmung mit der „Diakonie Ruhr-Hellweg“. Ich bin sehr dankbar für diese Zusammenarbeit.

 

Wie wollen Sie mit Menschen, die der AFD nahestehen und sie vermutlich auch wählen, in den Dialog kommen?

Zuhören ist das Zauberwort. Unsere westfälischen „Friedensreiter“ sollen mit Waffeleisen und Grill, mit Kaffee und Wasser die Menschen empfangen und Raum zum Reden geben. Wir wollen lokale Versammlungsorte schaffen zum Austausch abseits der Empörungskultur. Schließlich sollen diese Gespräche am gedeckten Tisch in die Möglichkeit münden, das miteinander Geteilte vor Gott zu bringen. Am Ende steht eine Andacht, das gemeinsame Gebet.

Diese Initiative hin zu den Menschen wird flankiert von Gottesdienstentwürfen, die von den Kirchengemeinden in der Wahlkampfzeit für die Sonntagsgottesdienste genutzt werden können, sowie von Beiträgen im Netz.

 

Ist aber nicht die Gefahr groß, dass Sie als Kirche diese Gruppen gar nicht erst erreichen?

Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Eine Kirche, die in diesen Tagen nicht Ohr der Verzagten sein will, nicht ihre Stimme erhebt und nicht ihre Botschaft in die Welt trägt, ist ein stummer Hund und hat es nicht verdient, Kirche Jesu Christi zu heißen.

 

Corona, Ukraine, Iran - Man hat manchmal den Eindruck, dass eine Krise auf die nächste folgt. Wie gehen Sie persönlich mit schlechten Nachrichten um?

Wen bedrückt das nicht? Ich hatte im letzten Jahr manches zu verarbeiten, nicht nur beruflich, und es waren nicht nur die großen Sorgen um unsere Welt. Ich selbst habe mich neu kennen gelernt. Das war nicht immer erheiternd, sich selbst auf die Schliche zu kommen.

Ich habe versucht, mit meinen Lieben im Gespräch zu bleiben, Rat zu holen und immer neu ganz kleine Momente des Glückes aktiv zu suchen und zu genießen. Ein Hunderter im Lotto ist, dass ich seit einem halben Jahr Mitglied eines Streichquartettes bin. Ich spiele ja Cello. Und da wohnen zwei Geigen und eine Bratsche gar nicht so weit weg von mir in Soest, und wir wussten nichts voneinander. Streichquartett ist für mich das Nonplusultra der Kammermusik, ist der Olymp. Jetzt treffen wir uns alle sechs Wochen und spielen – mehr oder weniger souverän, wir sind ja alle Laien – Bach, Mozart und Tango. Tango macht Spaß. Bach ist klug, Mozart weise.

Und natürlich gilt, was ich jedes Jahr auf diese Frage antworte: Beten. Die Stille morgens vor dem Frühstück ist kostbar. Gottes Wort beginnt zu leuchten und strahlt wie ein Edelstein durch den Tag.

 

Sie sind jetzt seit sechs Jahren Superintendent des Kirchenkreises. Wie oft haben Sie das schon bereut?

Selten und niemals ernsthaft. Tatsächlich bereue ich es, wenn ich von Kollegen höre: Gleich gehe ich in die Kita und erzähle dort eine biblische Geschichte. Oder. Gestern durfte ich einen Menschen beerdigen und die Familie trösten. Und ganz besonders: in den Sommerferien geht es auf Jugendfreizeit. Da packt mich der Neid.

Manchmal entmutigt mich der Blick auf die Anzahl der nicht enden wollenden Mails. Das schlechte Gewissen, so vielen Menschen eine rasche Antwort schuldig zu bleiben, drückt oft.

Aber ansonsten danke ich Gott jeden Tag, dass ich Superintendent in Soest-Arnsberg, im Sauerland und in der Börde sein darf.

 

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