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"Wir waren Pioniere"

10.9.2026

Evangelischer Kindergartenverein blickt zurück auf 150 Jahre

Wann dieses Foto entstanden ist, ist heute nicht mehr klar, auf jeden Fall steckte auch die Fotografie damals noch in den Kinderschuhen. Das Gebäude im Hintergrund ist der frühere Kindergarten am Lütgengrandweg, der Mitte der Siebzigerjahre abgerissen und neu gebaut wurde. Quelle: Kindergartenverein

Von Klaus Bunte

 

Soest. „Wir waren unserer Zeit immer etwas voraus“, erinnert sich Axel Finke, Vorsitzender des Evangelischen Kindergartenvereins von 2013 bis 2021. Wie mit dem Kinderhort. 1986 wurde er eröffnet, „da waren wir die Ersten, leisteten Pionierarbeit. Trotz des Widerstands der Kirchen, die noch das patriarchalische Gesellschaftsbild konservieren wollten, dass die Frau am Herd zu stehen und die Kinder zu hüten hat.“

 

Denn auch wenn er sich „Evangelischer Kindergartenverein e. V.“ nennt, „war er seit seiner Gründung im Grunde überkonfessionell und diente der Unterbringung aller Kinder“. Zudem habe sich der Verein den Doktrinen der Kirche stets verweigert, sich nie von ihr vereinnahmen oder gar übernehmen lassen, „weil sie zu diesem Zeitpunkt noch zu dogmatisch war und im Prinzip das Gewaltmonopol beanspruchte.“

 

Jetzt feierte der Verein seinen 150. Geburtstag. Von den Gründungsmitgliedern war dort natürlich niemand mehr, der von den Anfängen hätte berichten können. Davon zeugt aber noch eine Chronik zum 100. Geburtstag. Ihr zufolge reicht die Geschichte sogar noch über das Jahr 1876 hinaus: Bereits 1836 soll eine Witwe in ihrer Wohnung mehrere Kleinkinder betreut haben. Auch für die folgenden Jahrzehnte sind sogenannte evangelische Kinderschulen belegt, unter anderem unter Leitung einer Lehrerin aus der Kaiserswerther Diakonissenanstalt.

 

Zum entscheidenden Schritt kam es am 25. November 1875. Auf Anregung des Soester Pastors Karl Josephson trafen sich Bürger, um die Einrichtung zweier evangelischer Kinderschulen unter einheitlicher Leitung vorzubereiten. Aus einem zunächst gebildeten siebenköpfigen Kuratorium entwickelte sich der Evangelische Kinderbewahrungsverein, der am 1. Juli 1876 gegründet wurde.

 

Sein Ziel war es, zwei- bis sechsjährige Kinder von Handwerkern und anderen berufstätigen Eltern während deren Arbeitszeit sicher zu betreuen und ihrem Alter entsprechend zu beschäftigen. Bemerkenswert für die damalige Zeit: Aufgenommen werden sollten Kinder ohne Unterschied der Konfession.

 

Am 1. Dezember 1876 nahm der erste Kindergarten am Lütgengrandweg seinen Betrieb auf. 1879 folgte eine zweite Einrichtung am Walburgisstift, die später als Stiftskindergarten, Wiesekindergarten oder Kindergarten am Bahnhof bezeichnet wurde. Damit verfügte der Verein schon wenige Jahre nach seiner Gründung über zwei Einrichtungen. 1888 wurden dort insgesamt mehr als 200 Kinder betreut. Die Arbeit war über Jahrzehnte eng mit den Diakonissenanstalten in Kaiserswerth und Witten verbunden. Erzieherinnen aus diesen Einrichtungen arbeiteten in den Soester Kindergärten.

 

Trotz der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse während der Weltkriege konnte der Kindergartenbetrieb zunächst aufrechterhalten werden. Ein schwerer Einschnitt war die Zerstörung des Gebäudes an der Schültinger Straße durch einen Bombenangriff am 5. Dezember 1944. Erst 1947 konnte dort wieder eine Betreuung aufgenommen werden – zunächst in einem Raum des Gemeindehauses der Wiese-Georgs-Gemeinde an der Widumgasse.

 

Der Wiederaufbau zog sich über mehrere Jahre hin. 1952 einigte sich der Verein mit der Stadt auf einen Grundstückstausch: Das Grundstück an der Schültinger Straße ging an die Stadt, dafür erhielt der Verein ein Gelände im Tabrock. Dort entstand ein neuer Kindergarten. Die Finanzierung erwies sich als große Herausforderung. Der Verein warb unter anderem mit dem Verkauf von Bausteinen und persönlichen Spendenaufrufen um Geld. Am 2. Juli 1956 konnte der viergruppige Kindergarten schließlich eröffnet werden. Nach Darstellung der Chronik war er damals der größte und modernste Kindergarten in Stadt und Kreis Soest.

Eigenständigkeit als echte Konstante

Auch neue pädagogische Ideen hielten Einzug. Auf dem großzügigen Gelände des Tabrock-Kindergartens richtete der Verein einen Verkehrskindergarten ein, damit bereits kleine Kinder spielerisch mit den Gefahren des Straßenverkehrs vertraut gemacht werden konnten. Die Anlage wurde am 7. Juni 1959 mit Unterstützung der Stadt Soest und der Verkehrswacht in Betrieb genommen.

 

Über die Stadtgrenzen hinaus wurde der Verein ebenfalls tätig. Als Ende der 1960er-Jahre auf dem Land zahlreiche sogenannte Zwergschulen geschlossen wurden, wandten sich Gemeinden an den Soester Kindergartenverein und baten um Unterstützung beim Aufbau eigener Kindergärten.

 

1967 übernahm er vorübergehend die Trägerschaft für einen Kindergarten in der ehemaligen Schule in Brockhausen. Bereits Ende 1968 konnte sie an einen neu gegründeten örtlichen Kindergartenverein übergeben werden. Das Beispiel machte Schule: Weitere Gemeinden gründeten eigene Kindergartenvereine.

 

Eine wichtige Veränderung brachte schließlich das nordrhein-westfälische Kindergartengesetz, das 1972 in Kraft trat. Die damit verbundenen finanziellen Möglichkeiten verbesserten die Situation des Vereins deutlich und erleichterten auch die personelle Ausstattung. Eine der größten Aufgaben jener Zeit war die Erneuerung des inzwischen fast 100 Jahre alten Kindergartens am Lütgengrandweg. Das Gebäude neben dem Bunker, der heute das Liebes-Leben-Museum beherbergt, entsprach baulich nicht mehr den geltenden Anforderungen und wurde abgerissen.

 

Am 29. Januar 1975 stand der neue, als Fertigbau errichtete Zweigruppen-Kindergarten. Später konnte er durch die Anmietung eines Nachbargebäudes um eine dritte Gruppe erweitert werden.

Eine Konstante war die Eigenständigkeit des Vereins. Mehrfach wurde darüber beraten, die beiden Kindergärten in den Verband der Vvangelischen Kirchengemeinden zu überführen.

 

Der Vorstand hielt jedoch stets an der Selbstständigkeit fest. So ging der Verein 1976, hundert Jahre nach seiner Gründung, als eigenständiger Träger in sein zweites Jahrhundert. Trotz immer wiederkehrender finanzieller Schwierigkeiten und mancher Rückschläge habe der Verein über ein Jahrhundert hinweg für unzählige Kinder Orte der Geborgenheit geschaffen, heißt es in der Festschrift.

 

1990 kam als dritte Einrichtung die Kita „Wiesengraben“ hinzu und war erneut Vorreiter als erste Einrichtung der Stadt, die Kinder unter drei Jahren aufnahm – erst seit 2013 gilt ein gesetzlicher Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr.

 

Der Vereinsvorsitz wechselte alle paar Jahre. Das mag logisch klingen, da meist Personen solche Vereine leiten, deren Kinder die betreffenden Einrichtungen gerade besuchen. Anders hier: „Es darf nur jemand machen, der keine Kinder mehr dort hat, um Interessenkonflikte zu vermeiden“, meint Finke, der selbst mit acht Jahren ungewöhnlich lang im Amt blieb. Kein Wunder: In seine Zeit fiel die Pandemie. Ihm folgte Jens Münzel, der 2024 von Daniel Trompeter abgelöst wurde.

 

Alle Einrichtungen wurden im Laufe der Jahre erweitert oder den geänderten Anforderungen angepasst und zählten laut Finke zu den ersten, die Kinder mit Behinderungen aufnahmen. Heute werden im Tabrock 68 Kinder betreut, am Wiesengraben 51 und im Lütgen-Grandweg 63. Der Hort dagegen, der wurde 2008 wieder geschlossen, zum Leidwesen des Vereins. Der Offene Ganztag machte ein solches Angebot überflüssig – dieses eine Mal hatte der Zeitgeist den Verein dann doch überholt. 

Ein Blick aus der Kindertagesstätte im Tabrock auf das Außengelände. Das Gebäude im Hintergrund ist der frühere Kinderhort, in dem sich heute der evangelische Katharina-von-Bora-Kindergarten befindet. Quelle: Kindertagesstätte im Tabrock

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