Nachrichten
Zwischen Friedensethik und Verteidigungsrealität
12.3.2026
Militärseelsorge wünscht sich mehr Unterstützung und deutlich klarere Positionen

Von Julie Riede
Kirchenkreis. Die Militärseelsorge versteht sich als „Kirche vor Ort“ – mitten unter Soldatinnen und Soldaten, die mit existenziellen Fragen konfrontiert sind. Dabei gehe es nicht um Floskeln, sondern um klare, tragfähige Antworten, die theologisch fundiert und zugleich verständlich seien. Diese Haltung prägte jüngst eine Diskussion in der Pfarrkonferenz über die Rolle der Evangelischen Kirche in sicherheitspolitisch bewegten Zeiten.
Pfarrer Michael Rohde ist Militärseelsorger. In der Pfarrkonferenz sprach er sich für einen intensiveren Austausch zwischen Landeskirche, Militärseelsorge und Gemeindeseelsorge aus. Gerade angesichts wachsender geopolitischer Spannungen brauche es eine enge Zusammenarbeit kirchlicher Arbeitsfelder.
Rohde befürwortet die aktuelle Friedensdenkschrift der EKD. Sie eröffne bewusst „Grauzonen“ und fördere eigenständiges ethisches Urteilen. Menschen müssten selbst entscheiden können – auch junge Soldatinnen und Soldaten, die sich für den Freiwilligen Wehrdienst verpflichtet haben, könnten sich weiterhin bewusst für oder gegen den Dienst in der Bundeswehr entscheiden. Diese Entscheidungsfreiheit müsse ernst genommen und seelsorgerlich begleitet werden.
Ein weiteres Thema war die mögliche Erschließung zusätzlicher Kasernenstandorte in Deutschland, etwa in Soest. Hier stelle sich die Frage, wie sich die Evangelische Kirche positioniere: Gehört dies zum Aufgabenfeld kirchlicher Präsenz? Muss sich die Kirche strukturell und personell auf neue militärische Standorte vorbereiten?
Auch die Notfallseelsorge gerät in den Fokus. Derzeit unterstützen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger unter anderem die Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten. Doch wie sähe ein Einsatz im Verteidigungsfall aus? Würden kirchliche Kräfte auch dann hinzugezogen? Und müssten angesichts möglicher Krisenszenarien zusätzliche Kapazitäten geschaffen werden?
In Diskussionsrunden wurden zentrale Fragen formuliert, die sowohl persönliche als auch institutionelle Perspektiven betreffen. Deutlich wurde: Viele sind innerlich noch nicht auf eine neue sicherheitspolitische Realität eingestellt. Manche sehnen sich nach einer als stabil empfundenen „Nachkriegszeit“ zurück. Zugleich ist in der Gesellschaft bereits spürbar Angst vorhanden.
Die Kirche stehe deshalb vor der Aufgabe, sich sowohl geistlich als auch organisatorisch auf einen möglichen Krieg auf europäischem Boden vorzubereiten. Es brauche konkrete, belastbare Pläne für den Ernstfall – keine vagen Absichtserklärungen.
Eine weitere Herausforderung sei der Umgang mit einem erstarkenden Nationalismus. Hier komme der Ökumene eine besondere Bedeutung zu. Ökumenische Veranstaltungen seien Brückenbauer und stärkten den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gerade in unsicheren Zeiten müsse die Kirche Räume für Dialog, Gewissensbildung und Hoffnung eröffnen.
Die Diskussion zeigte: Zwischen Friedensethik und Verteidigungsrealität wächst der Bedarf an Orientierung. Die Militärseelsorge sieht sich dabei als verbindendes Element – nah bei den Menschen, theologisch klar und gesprächsbereit in einer Zeit wachsender Unsicherheiten.
Info-Kasten
Pfarrer Michael Rohde
Seit dem 1. September 2011 leitet Militärdekan ThDr. Michael Rohde das Evangelische Militärpfarramt Hamburg I. Rohde ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Zuvor war er Militärgeistlicher in Holzminden und Höxter, davor Pfarrer in Bad Gandersheim am Harz. Rohde war von 2010 auf 2011 und 2013 auf 2014 als Militärseelsorger im ISAF - Einsatz in Afghanistan und 2014 im Ebola-Einsatz in Liberia.
Rohdes Arbeitsschwerpunkte sind die Arbeit mit traumatisierten Soldatinnen und Soldaten und ihren Familien, Seelsorge für die Soldatinnen und Soldaten an der Helmut-Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr und im Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg und friedensethische Diskussionen.
