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Kirchenasyl als letzte Chance
26.3.2026
Der Druck der Behörden auf geflüchtete Menschen nimmt zu

Von Thomas Brüggestraße
Soest-Arnsberg. „Ich habe es für die Zukunft meiner Kinder getan", sagt Fatma. Aus Deir as Zowur ist sie mit ihrer Familie geflüchtet vor fast zwei Jahren. „In Syrien ist alles kaputt", erzählt sie: „Kein Stein auf dem anderen, und was die neuen Machthaber bringen, ob sie Verbesserungen für das Volk bringen, wer weiß das schon? Mein Mann und ich hatten keine Hoffnung, wir haben uns auf den Weg gemacht, damit unsere drei Kinder es später einmal besser haben können."
Klingt vertraut, will man meinen, aber hier erzählt nicht die deutsche Großmutter aus ihrem Leben, hier berichtet eine Mutter, die daheim, im Osten Syriens, als Krankenschwester gearbeitet hat, ihr Mann Lorenz (45) als Koch und Konditor. Bis der Krieg kam. Bis kein Stein mehr auf dem anderen war.
Für das Treffen im Johannes-Gemeindehaus in Soest an der Hamburger Straße hat Lorenz zwei große Torten gezaubert - der 20. März ist der letzte Tag der muslimischen Fastenzeit, und gemeinsam wollen alle das letzte gemeinsame Fastenbrechen feiern: Fatma, Lorenz, Mohammed (9), Omar (8), Lara (11) und Ehrenamtliche. Ein ganz besonderes Dankeschön sollen die Torten sein: Dafür, dass Lorenz, Fatma und die Kinder im Johannes-Gemeindehaus untergekommen sind, dass sie Kirchen-Asyl bekommen haben.
Hier sind sie sicher vor dem Zugriff der Ausländerbehörden, die die Familie gerne in ein so genanntes „Dublin-Land" zurückschicken möchte. Bulgarien wäre das in diesem Fall. „Gerade für die Kinder wäre das die Hölle," erzählt Fatma: „Schlimme Zustände bei der Unterbringung, es gibt Vorurteile, man wird gemobbt, rassistisch beleidigt. Und man wird ausgenutzt ohne Ende: Mein Mann hat in Bulgarien gearbeitet als Koch, und er ist betrogen und ausgebeutet worden. Nein, nach Bulgarien möchten wir nie wieder zurück, und gerade für die Kinder wäre das absolut schlimm. Die kommen jetzt hier in Deutschland das erste Mal zur Ruhe...."
Besondere Notlagen, akribisch begründete Einzelfälle sind es, die Kirchenasyl möglich machen. Die Grenzen sind eng gesteckt, das erläutert Elisabeth Patzsch - sie ist Flüchtlingsbeauftragte im Evangelischen Kirchenkreis Soest-Arnsberg. „In wenigen Tagen ist die Familie aus dem Gröbsten raus", das erzählt Pfarrer Friedemann Kölling: Die „Überstellungsfrist" läuft dann aus, und wen die Behörden in dieser Zeit nicht eingesammelt und zur Abschiebung in Gewahrsam genommen hat, dem können sie ein Aslverfahren nicht mehr verweigern. Wie das ausgeht, das ist allerdings völlig offen - es kann auch eine Ablehnung dabei herauskommen. „Ist aber so besser, als gleich abgeschoben zu werden", so ist von Ehrenamtlichen zu erfahren: „So hat man wenigstens eine Chance."
Pfarrerin Kristina Ziemssen aus Geseke ist im Johannes-Gemeindehaus mit dabei: „Bei uns in Geseke ist gerade der 70. Mensch zu Gast im Kirchenasyl", erzählt sie: „Unsere ,Ehemaligen‘ sind alle noch hier in Deutschland, alle haben Deutsch gelernt und einen Job."
Ein paar von ihnen hat sie mitgebracht zum Abend, und alle hören sich aufmerksam an, was Helge Homann aus Villigst über die rechtlichen Grundlagen zum Kirchenasyl erzählt, über Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit den Behörden. Der Druck werde größer, weiß Homann: „Kirchenasyl war nie so wichtig und wertvoll wie heute. Der Schutz für Geflüchtete, er ist mehr und mehr auf dem Rückzug."
Will heißen: Die politische Großwetterlage hat sich geändert. Rücksicht, Respekt und Willkommen, das ist so was von 2015, das ist aus Homanns Vortrag deutlich herauszuhören. Ebenso, dass es weiterhin viele helfende Hände braucht, damit Kirchenasyl weiter funktionieren kann.

