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Endstation Allerheiligenkirmes
3.9.2026
Antonina Domke erinnert sich an ihre Ankunft in Soest

Soest. Vielleicht war es ja ein Zeichen. Und wenn, dann auf jeden Fall ein positives. Als ihre Schwester bereits vor ihr nach Soest ausgewandert war, wollte ihre Schauspiellehrerin aus Stuttgart 1994 an der Theaterakademie in Almaty, damals noch die Hauptstadt Kasachstans, wissen, wohin. Als sie „Soest“ sagte, habe diese jedoch nicht gesagt: „Nie gehört.“ Sie habe gesagt: „Dann frag sie mal, ob sie das Café Fromme kennt.“
Sie war Berit Fromme, eine Enkelin der „Oma Fromme“. Rund 30 Jahre ist diese Episode nun her. Heute kennt man Antonina Domke als Gründerin von „Kultur A – Z“, des Soester Kultur- und Geschichtsvereins der Deutschen aus Russland. Dazwischen liegen einige turbulente Jahre – gerade die Anfänge.
Denn ihre Ankunft in Soest war schon etwas abenteuerlich. Zum ersten Mal Fuß auf Soester Boden setzte sie am 9. November 1995. Jetzt kann sich schon jeder zusammenrechnen, dass sie die Stadt in einem Ausnahmezustand erlebte, der nur an fünf Tagen gilt: Es war Kirmessamstag. „Meine Schwester war schon vor mir nach Soest gekommen und hat sich sehr stark dafür eingesetzt, dass die übrige Familie ebenfalls hierherkommt und nicht, wie ursprünglich von den Behörden geplant, nach Koblenz.“
Zwei Tage vor den Behördenterminen wollte sie sich mit den Lokalitäten vertraut machen – und landete in der größten Altstadtkirmes Europas: „Das war ein förmlicher Kulturschock. Denn meine Schwester hatte mir zwar gesagt, hier sei Kirmes, aber so etwas kennen wir in Kasachstan nicht. Dort kannten wir den Gorki-Park, eine Grünanlage mit dem einen oder anderen Fahrgeschäft, oder die Militärparaden der Sowjetunion, aber keine solchen Jahrmärkte mitten in der Stadt. Wir fühlten uns gefangen in einem Strudel: solche Menschenmassen, die vielen Lichter – so etwas waren wir einfach nicht gewohnt!“
Und so versuchte sie, sich die Wege zu den Behörden, zur Bank und zur Krankenkasse anhand dessen zu merken, was sie sah – ohne zu ahnen, dass all das am Montag schon wieder weitgehend verschwunden sein würde. Nur noch die Gorillas der Großgeisterbahn „Grüne Hölle“ standen dort als Gerippe.
Soest ist unsere letzte Station
Ihr vor vier Jahren im Alter von 94 Jahren verstorbener Vater hatte eigentlich gar nicht ausreisen wollen. Aber die Russlanddeutschen, deren Deportation und Vertreibung durch Josef Stalin sich am 28. August zum 85. Mal jährte, seien in Kasachstan immer Fremde geblieben und hätten sich eine bessere Perspektive in Deutschland erhofft: „Wir Russlanddeutschen eckten dort immer an. Für die Russen waren wir die scheiß Deutschen. Für die Deutschen waren wir dann stattdessen die scheiß Russen.“ Der Deportation ihrer Vorfahren folgten mehrere Zwangsumsiedlungen. Irgendwann will man halt mal irgendwo bleiben können.
„Aber als dann Helmut Kohl nach dem politischen Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und dem neuen Kriegsfolgenbereinigungsgesetz sagte: Ihr könnt jetzt alle kommen, da kam es zu einer Aufbruchstimmung. Auch bei uns am Deutschen Staatstheater“, wo sie als Schauspielerin begonnen hatte und Schiller und Goethe im deutschen Original spielte, „verließen uns innerhalb von drei Jahren viele Kollegen“. Dadurch konnte sie immerhin nachrutschen und eine Stelle bekommen.
Aber ebenfalls ganz von vorne anfangen? Als die Schwester mit ihrer Familie nach Soest umsiedelte, änderte der Vater seine Meinung. „Für ihn war es schwerer als für uns mit Anfang 20. Dennoch will ich mich nicht freisprechen davon, vielleicht auch noch das Kriegsenkel-Syndrom zu haben, das Erlebte meiner Großeltern verarbeiten zu wollen.“
Ende Oktober stiegen sie ins Flugzeug.
Nach zwei kurzen Aufenthalten in Aufnahmelagern in Friedland und Unna-Massen kamen sie in das damalige Lager am Opmünder Weg, im einstigen Stabsgebäude des Flugabwehrraketenbataillons 21. „Wir wussten nach diesen Lagern: Soest ist unsere letzte Station.“ Im Laufe der folgenden Wochen und Monate fanden alle eigene Wohnungen.
Auf dem Arbeitsamt habe man sie bei ihrer Berufsangabe schief angeschaut: „Schauspielerin. Soso. Dann machen wir jetzt mal etwas Vernünftiges.“
So landete sie im Juli 1996 in einer Umschulung zur Bürokauffrau. Als die Lehrerin eine Reihe von Jobgesuchen mitbrachte, zog sie direkt eine Stellenausschreibung der CDU. Sie wurde genommen und ist bis heute in der CDU-Geschäftsstelle Soest tätig.
Ihre musischen Vorlieben lebt sie seither dagegen im Ehrenamt aus, vermittelt mit ihrem Verein zwischen den Kulturen – oder, wie sie es formuliert: „Ich mache den Erklärbär, aber nicht auf Biegen und Brechen, sondern durch Kultur. Durch Theater, Musik, Literatur.“
Damit tritt der Verein auch außerhalb von Soest auf, holte umgekehrt wiederholt Produktionen von Domkes früheren Schauspiellehrer und seiner Frau nach Soest, die seit ihrer Ausreise ihre künstlerische Arbeit von Baden-Württemberg aus fortsetzen. Sie schreibt eigene Lyrik und Prosa, zunehmend auf Deutsch, ist auch am 12. September aktiv an einer Gedenkveranstaltung zum 85. Jahrestag der Deportation unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Hendrik Wüst im und am Kölner Dom beteiligt.
Deutschkurse musste sie nicht besuchen. „Wir sprachen besser Deutsch als andere, die Dialekte sprachen wie Wolgadeutsch oder Plautdietsch. Aber es ist schon ein Unterschied zwischen dem Deutsch Goethes und Schillers, das wir in Almaty auf der Bühne sprachen, und westfälischer Umgangssprache. Und ich musste ja auch die für den Job nötige Wirtschaftssprache lernen.“
Die Beamten zogen gerne auch die Augenbraue hoch, wenn sie uns nicht direkt verstanden und fragten: „Wie bitte?“ Das verunsicherte natürlich, man gab sich noch mehr Mühe, und wieder kam die Frage: „Wie bitte?“ Domke: „Wir haben zwar nicht erwartet, mit offenen Armen empfangen zu werden, aber man hatte schon den Eindruck, man war nicht sehr erfreut über unsere Anwesenheit. Aber dann denkt man sich: Okay, das ist jetzt deine neue Normalität, damit musst du dich jetzt halt anfreunden – wenn ich ignoriert werde, dann werde ich halt ignoriert. Dann schaue ich mal nach den Menschen, die mich nicht ignorieren, die mir zuhören, die mir zumindest neutral gegenübertreten. Das dauerte wirklich gut zwei Jahre, bis man akzeptiert wurde.“
Zeit genug, sich mit anderen für Migranten ungewohnten Bräuchen und Angewohnheiten zu beschäftigen: Schützenfesten zum Beispiel. Oder der Dauerregentschaft von König Fußball – eine vergleichbare Dominanz einer Sportart gebe es in Kasachstan nicht, geschweige denn, dass dort sogar Frauen derart mitfieberten. „In der Sowjetunion war Eiskunstlauf angesagt, in Almaty ist Bergsteigen sehr beliebt.“

