Nachrichten
900 Euro für ein neues Lächeln
5.11.2026
Soesterin und Jürgen-Wahn-Stiftung ermöglichen Mädchen eine Operation

Von Klaus Bunte
Soest. Als Petra Schürmann das neunjährige Mädchen sah, das sie so freundlich anstrahlte und „bonjour, bonjour“ rief, durchzuckte sie angesichts ihres Anblicks ein Schreck: Die Kleine hatte eine massive Fehlstellung ihrer Oberkieferzähne, die beiden oberen Schneidezähne standen weit nach vorne, erinnerten sie zwangsläufig an Hasenzähne.
„Und dennoch war sie so fröhlich und freundlich, begrüßte mich auch bei einer weiteren Begegnung so positiv und versprühte so viel Lebensfreude“, erinnert sich Schürmann. Ihr war klar: Dem Mädchen muss geholfen werden, „denn das Mädel hatte es mir einfach angetan.“
Die Begegnung im März dieses Jahres ereignete sich jedoch nicht auf europäischem Boden, sondern auf mauretanischem, in der Oasenstadt Atar im westlichen Teil der Sahara, der Hauptstadt der Region Adrar. Die Soesterin Schürmann verschlug es dorthin aus einem ebenso simplen wie spektakulären Grund: Sie ist Weltenbummlerin. 2018 verkaufte sie ihren Anteil an ihrer Steuerberatungskanzlei, als sie merkte, dass die Migräne, an der die heute 67-Jährige seit ihrer Jugend litt, im sonnigen Süden schlichtweg nicht existierte.
„Mein erster Gedanke war, nach Italien zu ziehen und von dort überall dorthin zu fliegen, wo ich hin will. Aber in Australien habe ich 2010 gesehen, wie die Australier das machen: Die kaufen sich ein Wohnmobil oder einen großen Wohnwagen und ziehen dann damit von rechts nach links und von oben nach unten, wo immer es auch gerade schön ist. Und ich dachte: Genau das ist es, was ich auch will.“
Statt eines Wohnmobils wurde es ein um- und ausgebautes Militärfahrzeug, ein MAN KAT 1 8x8, ein schwerer, aber extrem geländegängiger, vierachsiger Lastkraftwagen. Damit brach sie 2022 zu ihrer Weltreise auf und kehrt nur gelegentlich in die Heimat zurück.
So wie jetzt, um kurz bei der Jürgen-Wahn-Stiftung und ihrem Vorsitzenden Thomas Frye persönlich vorstellig zu werden und sich zu bedanken.
Der erinnert sich: „Eines Tages kam ich in unsere Geschäftsstelle und der Anrufbeantworter blinkte. Darauf war dann ihre Nachricht, und als ich sie zurückrief, musste ich feststellen, dass ich mit dem Senegal telefonierte“, dem direkten Nachbarland Mauretaniens, in dem Schürmann mittlerweile weilte, nachdem sie zuvor auf ihrer Afrika-Tour aufgrund einer Panne in Atar gestrandet war: „Die Servopumpe meiner Lenkung war kaputt und ich musste vier Wochen auf die Ersatzteile warten. Das Fahrzeug ist ohne Servolenkung nicht mehr fahrtüchtig.“
Andere hätten sich in die Sonne gelegt, doch Schürmann, ohnehin braungebrannt, als käme sie gerade von vier Wochen All-inclusive in Spanien zurück, hatte damit nichts am Hut: Sie half vier Wochen in einem Kindergarten aus.
Eine Nonne des Ordens, der diese Einrichtung betreibt, kannte das Mädchen und ihre Familie. Gemeinsam mit einer Niederländerin, die dort einen Campingplatz betreibt, bildeten sie bald ein Trio, das sich auf die Fahne schrieb, Lebida, so der Name des Kindes, zu helfen.
Schürmann zahlte 150 Euro, um ihr eine Busreise von 450 Kilometern zum Zahnarzt zu ermöglichen. Dort sagte man: „Die Zähne im Oberkiefer sind völlig durcheinander. Sie war bereits als Baby an zwei Gaumenspalten operiert worden.“ Offenbar hatte man damals gepfuscht, der Kiefer sei „nach oben gedreht worden, weshalb die Zähne so weit nach vorne standen“.
Als der Lkw wieder fahrtüchtig war, fuhr Schürmann weiter in den Senegal, überwies noch ein weiteres Mal Geld. Dann wandte sie sich an die Soester Stiftung. Die machte weitere 450 Euro locker, im Juli wurde das Kind operiert. Frye: „Im Vorstand hatten wir keine Zweifel an der Echtheit der Anfrage. Petra Schürmann als Ex-Soesterin war nicht unbekannt und das Risiko war bei einem solchen Betrag ja eher gering.“
Eine entsprechende OP in Deutschland hätte ein Vielfaches gekostet, die Preise vor Ort entsprechen den dortigen Verhältnissen. Nach heutigen Kriterien der Vereinten Nationen und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zählt Mauretanien zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt – umgangssprachlich also zur Dritten Welt.
Die Zusage aus Soest sei „ungeheuer schnell“ gewesen, freute sich Schürmann. „Diesem Mädchen wurde einfach geholfen, und wenn man sich Fotos aus der Zeit nach der OP anschaut, sieht man: Sie ist jetzt ein ganz anderer Mensch. Sie hätte mit diesen Zähnen nicht nur Probleme gehabt, zu sprechen – ob sie damit einen Job oder einen Mann gefunden hätte, sei dahingestellt.“
Mehr Kontakt als die beiden zufälligen Begegnungen habe es nie gegeben. Aber von ihren beiden Mitstreiterinnen sei ihr mitgeteilt worden, wie unglaublich dankbar die Familie sei. Frye: „Wenn man dann so einem Kind helfen kann, dann erfreut es einen ja am Ende, auch wenn man dann irgendwann eine solche Vollzugsmeldung erhält.“

