Nachrichten
Auf der Spur der inneren Werte
8.1.2026
Workshop lehrt den richtigen Umgang mit Stammtischparolen

Von Klaus Bunte
Soest. Oh, eine neue Kellnerin im Schlachthof? „Nein, nur eine Aushilfe“, sagt sie. Sie kommt mit den Gästen ins Gespräch, verbreitet dabei rechtspopulistische Hetze, ergreift vor Beginn des Workshops gar das Mikrofon, unter dem Vorwand, die letzte Bestellmöglichkeit vor Beginn anzukündigen und sich dann endgültig in Rage gegen die Migranten zu reden. Rasch wird klar: Sie ist Schauspielerin. Denn sie gibt genau das wieder, worum es heute geht: Stammtischparolen. Und alle, die anwesend sind, wollen lernen, darauf zu reagieren.
Dann verwischen plötzlich Realität und Fiktion. Dr. Franz-Josef Klausdeinken steht spontan auf, entreißt ihr das Mikrofon, verwickelt sie ins Gespräch. Ist der Soester von den „Christians for Future“ auch Teil der Inszenierung? Nein.
„Ich glaube, so einen mutigen Menschen hatten wir noch nie“, meint kurz darauf Jürgen Albrecht, der immerhin schon über 650 solcher Workshops gegeben hat, und Klausdeinken habe alles richtig gemacht: „Sie haben beherzt eingegriffen, und genau darum geht es heute. Wir begeben uns auf die Spur unserer inneren Werte.“
Der Kölner Schauspieler und Theaterpädagoge, der vor dieser Karriere in Soest Abitur machte und später beim Soester Anzeiger volontierte, leitet den Workshop „Parolen Paroli – Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ mit seiner Co-Referentin Christine Kättner und ist dazu eigens ausgebildet worden. Was immer er gleich dozieren wird, wie man den Workshop theaterreif gestaltet, das hat das Duo drauf.
Zum zweiten Mal sind sie zu Gast auf Einladung des Kommunalen Integrationszentrums (KI) des Kreises Soest in der Schlachthof-Kneipe. Beim ersten Mal kamen 70 Teilnehmer, diesmal sind es nicht viel weniger, eine dritte Auflage wäre also gut möglich.
„Demokratiebildung ist ja ein wesentliches Thema unserer Abteilung“, meint KI-Leiter Holger Schubert. „Wir selbst bekommen solche Parolen relativ selten zu hören, aber es gibt Abteilungen wie unsere in Nordrhein-Westfalen, die durchaus damit zu kämpfen haben, die richtig angefeindet werden, die sich sagen lassen müssen: Was soll der ganze Scheiß, Integration, das wollen wir hier nicht mehr. Dagegen geht es hier human zu – noch.“
Der Workshop sammelt erst die Ideen, was Menschen dazu antreiben könnte, so wie Klausdeinken in solch einer Situation einzugreifen, aber auch, was sie davon abhält, dann auch um klassische Parolen, die an dieser Stelle nicht wiedergeben werden sollen, um ihnen keine unnötige Reichweite zu verschaffen. In Partnerarbeit konfrontieren sich die Teilnehmer als Parolenschwinger und Paroligeber – natürlich eine verzerrte Situation, da man sich schwer in den Kopf eines Schwurblers versetzen kann und die Gegenargumente besser kennt.
Ohne die kommt man nicht hin – Albrecht verteilt daher eine kleine Infobroschüre der Caritas mit den wesentlichen Fakten zu den üblichen Themen. Das Wichtigste: Widersprechen, denn „Schweigen kann im Zweifelsfall Zustimmung bedeuten. Und allgemein haben wir nicht frühzeitig genug widersprochen, deshalb müssen wir heute solche Abende veranstalten. Und selbst, wenn Sie den Eindruck haben, Sie reden vor eine Wand, fragen Sie sich: Was möchten Sie aber trotzdem von sich aus sagen? Was soll von Ihnen in dem Gespräch vorkommen?“
So sind es vor allem Kommunikationsstrategien, die Albrecht und Kättner vermitteln: Das Einzelgespräch suchen, gegen eine Gruppe kommt man nicht an. Selbstbewusst auftreten, Redeschwalle unterbrechen, mit persönlichen Erfahrungen, Logik und Zahlen argumentieren, nach den Quellen des anderen fragen, vor allem: nicht belehren.
INFO
Die Broschüre der Caritas, die Thomas Albrecht verteilte, gibt es auch als Download unter ogy.de/oqil.

