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Die Gedanken sind frei
5.3.2026
Bewegendes Konzert mit Aeham Ahmad erinnert an Krieg und Flucht aus Syrien

Von Frank Albrecht
Neheim. Mit seinem Studium an der musikalischen Fakultät der Universität in Homs hatte er bis in das Jahr 2011 noch ein „normales“ Leben. Aber spätestens mit dem Beginn des Bürgerkrieges in Syrien änderten sich die Lage im Land und das Leben von Aeham Ahmad schlagartig. Von den Erlebnissen auf seiner Flucht nach Deutschland und dem Rückblick auf vermeintlich glücklichere Kindertage ließ der Künstler jetzt auf Einladung des Ökumenischen Fördervereins für Flüchtlinge in der Stadt Arnsberg aus seinen Büchern erzählen. Für die Musik sorgte der begnadete Pianist Ahmad derweil selber, denn seit dem fünften Lebensjahr versteht er es, Klavier zu spielen.
Pfarrer Dr. Udo Arnoldi begrüßte den gebürtigen Syrer und mit ihm zahlreiche Zuhörende in der Christuskirche Neheim. Und er erzählte von den Lebensgeschichten, die im kommenden Konzert mit Lesungen von ihm aus den Büchern und Texten Ahmads vorgetragen werden sollten. Denn schließlich war das ganze Leben von Aeham Ahmad über viele Jahre hinweg quasi eine einzige Fluchtgeschichte – von seinem Leben als Kind und Jugendlicher im syrischen Lager Yarmouk in Damaskus, das für palästinensische Flüchtlinge eingerichtet war bis zur Ankunft in Deutschland.
Die Last der Vorgeschichte zu vertreiben, gelang dem Künstler gleich mit den ersten Tönen aus dem geöffneten Klavier, das vor dem Altar in der Kirche aufgebaut war. Sein schwungvolles Klavierspiel im ersten Stück ergriff das Publikum, das Ahmad mit den Worten „Bitte zusammen!“ erfolgreich zum Mitsummen aufmunterte. Über eine nachdenklich stimmende Pause leitete der Pianist gleich zum zweiten Lied weiter – und ohne Aufforderung schlossen sich die Zuhörenden in der Christuskirche der Melodie an. Die besondere Stimme von Aeham Ahmad war mit einem durchaus klagenden Unterton zu hören.
Ganz nach dem geplanten Konzept des Konzertes mit Lesungen trat Pfarrer Arnoldi an das Pult, um den Teil der „Lesung“ zu übernehmen. Im Text aus der Biografie Ahmads erfuhren die Gäste der Veranstaltung von den Eltern des Künstlers und wie er z.B. seinem Vater beim Klavierspielen als Kind zuhörte. Neben der eigenen Lust, Klavier zu üben, seien dort auch immer die Aufforderungen der Mutter gewesen – üben, üben, üben! – erinnert sich Ahmad im Buch. Während Pfarrer Arnoldi aus den Texten Ahmads las, saß dieser nachdenklich im Publikum und wartete auf seinen nächsten Einsatz an den Tasten. Der Wechsel zwischen Musik und Lesung verlieh der Veranstaltung eine ganz eigene Dynamik.
Besser singen, als auf den Tod warten
Mal nur Klavier, mal mit Gesang – und immer wieder das Publikum im Blick mit der Aufforderung zum Mitsingen oder -summen. Längst war im Verlauf des Konzertes die anfängliche Zurückhaltung gewichen und ohne Einladung beteiligten sich die Zuhörenden gerne mit gesanglicher Unterstützung. Die Motivation dazu kam von den gespielten Stücken des Künstlers, der während seines musikalischen Vortags immer wieder mit Variationen und Interpretationen bekannter Melodien zu überzeugen wusste. Bei den Klassikern wie „Die Gedanken sind frei“ oder „Freude schöner Götterfunken“ ließ sich das Publikum nur allzu gerne hinreißen und stieg lautstark in die Lieder ein.
Lebenslust und Lebensmut standen im fiktiven Wettstreit mit den Schilderungen, die in den Musik-Pausen vorgelesen wurden. Zu den über Projektor gezeigten Fotos des Künstlers, der noch vor seiner Flucht aus Syrien mit seinem Klavier auf einem Pick-Up oder einem Anhänger durch die Straßen zog und zwischen den zerstörten Häusern spielte, fehlte auch das Kapitel zum „Hunger“ der Menschen und die datumsgenauen Aufzählungen von Verstorbenen des Krieges nicht. Unter ihnen viele Kleinkinder und die Erinnerung Ahmads, dass sie in viel zu kleinen Särgen beerdigt wurden, weil das Holz ja kostbar war…
Und Pfarrer Arnoldi las von der Botschaft der Texte an die Welt, die „Lasst uns nicht verhungern!“ lautete. „Besser singen, als auf den Tod zu warten“, war eine andere Botschaft des Künstlers an die Welt, verbunden mit der Absicht, mit berührendem Klavierspiel den Menschen Mut zu machen. Zum Abschluss der Lesung vom ersten Teil der Flucht aus Syrien bewegte auch noch die Schilderung vom Versuch, das geliebte Klavier in Sicherheit zu bringen, was jedoch an den religiösen Gesetzen der neuen Mächtigen im Land scheiterte.
Stehende Ovationen für Musik und Texte und die Rufe nach einer Zugabe, waren das Brot des Künstlers. Für die bat Aeham Ahmad seinen Sohn Kinan an das Klavier, der zeigte, dass er gewillt ist, dem Vater in die musikalischen Fußstapfen zu folgen. „Es ist schwierig, Worte zu finden“, leitete der Vorsitzende des Fördervereins, Wolfang Faber, seinen Dank an den Künstler und Pfarrer Arnoldi für die Lesungen ein. „Wir sollten auch nicht vergessen, dass die Leute, die da als Flüchtlinge kommen, Menschen sind“, mahnte Faber, und der Applaus der Anwesenden war ihm sicher.
Zum letzten Mal ergriff der Künstler das Wort und erzählte davon, wie stolz er sei, dass seine Kinder seit drei Jahren den deutschen Pass haben und wie wichtig es sei, in einer Demokratie leben zu können und dass man weiter für sie kämpfen müsse. Aeham Ahmad spielte noch eine Zugabe zum Mitsingen und -summen, bevor er schließlich am Ausgang der Christuskirche den Zuspruch vieler für seine Arbeit sowie seine Mission entgegennahm und sich die Spendenbox für den Förderverein füllte.

