Nachrichten
Wildbewegt und dramatisch
7.4.2026
Die Johannespassion ist Bachs erstes Musikdrama zwischen Theologie und Klangrede

Von Karola Kalipp
Soest. Eine beeindruckende Aufführung der Johannespassion von Johann Sebastian Bach zeigte die Kantorei an St. Petri in der vollbesetzten Petrikirche. Bachs ausdrucksstarkes Werk wurde unter dem sicheren Dirigat von Annette Arnsmeier mit dem auf historische Aufführungspraxis spezialisierten Orchester „La Rejouissance“ auf historischen Instrumenten und mit hervorragenden Solisten engagiert und spannungsgeladen interpretiert.
Bachs erstes großes Werk in Leipzig hat gewiss aufhorchen lassen, handelt es sich doch um eine große oratorische Passion, wie man sie im traditionsverhafteten Leipzig 1724 noch kaum vernommen hatte. Das Neue zeigt sich in ungewohnten Dimensionen: Der Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ steht in seiner symphonischen Breite einmalig in der Zeit und spiegelt schon die Erlösung wider.
Er korrespondiert mit dem eher liedhaft ausgeglichenen Schlusschor „Ruhet wohl“. Dazwischen steht eine Fülle gebärdenreicher, meist gedrängter und wildbewegter dramatischer Chöre, die die aufgewühlte Menge symbolisieren. Die elf Choräle reflektieren als Antwort das Geschehen und beziehen mit ihrer Ich-Aussage den Menschen persönlich mit ein. Beide Aspekte verstand die Kantorei sicher und eingehend darzustellen.
Die Solisten verdeutlichten das Passionsgeschehen auf unterschiedliche Weise. Während Lothar Blum als ausdrucksstarker, klarer Tenor das Evangelium in den Rezitativen erzählte, zählt die Tenor-Arie „Ach mein Sinn“ zum Aufwühlendsten, was Bach komponiert hat. Andreas Elias Post (Bariton) als Jesus und Felix Rathgeber (Bass) als Pilatus ließen in ihren unterschiedlichen Stimmtimbres die beiden Figuren plastisch Gestalt annehmen.
Friedemann Engelbert glänzte als Altus in den beiden Arien „Von den Stricken meiner Sünden“, die musikalisch das Gebundensein ausdrückt, und „Es ist vollbracht“, kontemplativ eingerahmt als Totenklage mit einer exzellenten Viola da gamba musiziert, dann unvermittelt triumphierend als Siegeshymne.
Einen Glanzpunkt setzte die Sopranistin Franziska Eberhardt mit ihren beiden unterschiedlichen Arien „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ und „Zerfließe, mein Herze“. Mit glockenheller Stimme tänzerisch das Nachfolgen verdeutlichend, kommt in der letzten Arie der Passion zu den beiden Traversflöten noch die Oboe da caccia mit warmem Altklang hinzu. Hier begibt sich Bach in starkem Maß auf das Feld der italienischen Oper, der Satz „Dein Jesus ist tot“ wird fast bühnenmäßig ausgespielt.
Der Choral „Ach Herr, lass dein lieb´ Engelein“ beschließt das Werk mit Chor und Solistenquartett, die noch einmal eine andere Klangfarbe einbringen, und zeigt im Gegensatz zur drei Jahre später entstandenen Matthäuspassion, die Jesus als leidendes Opfer zeigt, hier Jesus als starken, selbstbestimmten Gottessohn, dessen Tod Teil seiner Verherrlichung ist. Die Doppeldeutigkeit des Wortes „Passion“ – Leiden und leidenschaftliche Hingabe an Gott – ist zentral für die theologische Tiefe.
Die Johannespassion ist somit keine Oper, sondern eine musikalische Predigt, die den Zuhörer auffordert, sich in das Geschehen einzufühlen und auf das Leiden Christi zu antworten.
Die Farbigkeit und Affekthaftigkeit der Johannespassion haben alle Ausführenden meisterhaft ausgelotet und dargestellt. Die Zuhörer dankten mit ergriffener Stille und stehenden Ovationen für diese Leistung.
