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Kurioses unterm Kirchendach
19.5.2026

Von Klaus Bunte
Soest. – Heute würde man wohl von „Pfusch am Bau“ reden – zumindest auf den ersten Blick. Und auch Dirk Elbert kommt nicht umhin zu bemerken: „Diese Säule“, auf die er noch unten im Kirchenraum hinweist, „steht mehr oder weniger sinnfrei im Raum.“ Tatsächlich trägt sie nichts – ein Hinweis darauf, dass der Bau ursprünglich anders geplant war.
Funde von Fundamenten bei Renovierungsarbeiten aus den Fünfzigerjahren legen nahe, dass der Turm der älteste Teil der Kirche ist und das Gebäude später erweitert wurde. Die Hohnekirche sei, so erläutert Elbert, wohl mit ihrer Funktion als Pfarrkirche für die Osthofe, einen der sechs historischen Stadtbezirke, gewachsen, um mehr Gläubige aufnehmen zu können.
Wenn einer solche Geschichten und Hintergründe kennt, dann ist eben Dirk Elbert. Er war nicht nur bis 2024 langjähriger und verdienter Mitarbeiter des Soester Stadtarchivs. In der Soester Emmaus-Kirchengemeinde, zu der die Hohnekirche (St. Maria zur Höhe) gehört, ist er Schriftführer im Vorstand des Vereins zu deren Erhaltung, Ansprechpartner für Kirchenführungen, vor allem aber auch einer der Autoren eines Kunstführers zur Hohnekirche und gilt somit als profunder Kenner der Baugeschichte und der kunsthistorischen Besonderheiten des Gebäudes.
Unters Dach führt er die Besucher jedoch nur zweimal im Jahr. Denn die Denkmalpflege habe zur Bedingung gemacht, den Bereich künftig auch für Führungen zugänglich zu machen. Besonders gefragt ist dieses Angebot zum Tag des offenen Denkmals. Da werde ihnen buchstäblich die Kirchentür eingerannt. Der Einladung zu dieser gesonderten Führung sind circa zwanzig Personen gefolgt.
Mit denen steigt er zunächst über eine steile Wendeltreppe hinauf zur Orgel mit ihren 1400 Pfeifen. „Die Akustik ist einigermaßen gut“, bemerkt Elbert mit einem Augenzwinkern – eine Untertreibung, denn die Kirche ist durchaus für ihre Klangqualität bekannt.
Etwas unscheinbar hinten in der Ecke: Eine in eine Außenwand eingelassene Säule, weitgehend verdeckt durch einen Schrank. „Was sucht die da direkt am Außenbereich?“, fragt Elbert und gibt selbst die Antwort: Bauhistoriker vermuten hier den Ursprung einer Eigenkirche eines Gutshofes. Möglicherweise habe ein Grundherr einst über einen erhöhten Zugang direkt in den Kirchenraum gelangen können, ohne den öffentlichen Bereich zu betreten.
Ein jeder Schritt mit Ehrfurcht
In besagtem Schrank sei bei früheren Arbeiten ein kleiner Schatz entdeckt worden: „Wir haben etwa 100 bis 120 Edikte aus dem 18. Jahrhundert gefunden“, berichtet der Kirchenführer, der in seinem früheren Leben für das Stadtarchiv Soest gearbeitet hat. Diese Bekanntmachungen seien einst von der Kanzel verlesen worden und dienten damit als wichtiges Kommunikationsmittel in einer Zeit ohne Zeitungen.
Über schmale Treppen geht es weiter nach oben. Eine davon hat es in sich: „Das sieht einigermaßen primitiv aus. Einfach nur viereckige Bohlen, die in der Mitte durchgeschnitten oder durchgesägt und festgenagelt wurden. Gerade das ist ein Kennzeichen für alte Treppen“, erklärt Elbert. Untersuchungen ergaben, dass die Holzkonstruktion um das Jahr 1380 entstanden ist, „von daher: Wenn wir dort jetzt hinaufgehen, würde ich Sie um ein wenig Ehrfurcht bitten.“
Im Dachraum wird der Blick frei auf die Kuppeln von oben, die dort wirken wie runde Sandsteinhaufen. Haufen anderer Art gehören der Vergangenheit an: „Bei der jüngsten Renovierung wurden neun Tonnen Taubenkot entfernt“, berichtet Elbert. Inzwischen seien alle Zugänge oder vielmehr Einflugschneisen gesichert. Alle dürfen rasch ein paar Fotos der Dächer Soests aus dieser früheren Vogelperspektive machen, dann werden die Schotten direkt wieder dichtgemacht. Dank einer neuen Holzkonstruktion kommt man in alle Bereiche, in den hintersten jedoch nur, wenn man auf die Knie geht und unter einem Bogen hindurchtaucht.
Auch technische Details früherer Zeiten lassen sich entdecken, etwa improvisierte Lösungen für die Führung der Glockenseile. Spuren der früheren Beheizung sind ebenfalls erhalten: Reste alter Schornsteine zeigen, dass die Kirche einst mit Öfen erwärmt wurde, bevor moderne Heizsysteme Einzug hielten. Ein uraltes Foto dagegen zeigt, wie ein früherer Küster und sein Sohn völlig ungesichert an der Außenhülle des Turms auf einer Leiter arbeiten – es könnte die alte Leiter sein, die immer noch in der Ecke steht.
Auch die Geschichte des Turms selbst ist von Umbrüchen geprägt. „1671 ist der Turm eingestürzt“, berichtet Elbert. Beim Wiederaufbau entschied man sich für die damals moderne Form der Zwiebelhaube, während ältere Darstellungen noch spitze Turmhelme zeigen. Elbert erinnert an bewegte Zeiten: „1914 wurden die alten Glocken eingeschmolzen.“ Die heutigen Glocken stammen aus dem Jahr 1928, sind im Vergleich zum übrigen 800 Jahre alten Gebäude also quasi die Küken und versehen bis heute zuverlässig ihren Dienst.
So wird bei der Führung deutlich: Die Hohnekirche ist nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch ein vielschichtiges Geschichtsbuch aus Stein und Holz, dessen Kapitel sich erst beim genauen Hinsehen erschließen.

