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Pragmatismus statt Prestige
18.6.2026
Saniertes Wohnhaus öffnet zum „Tag der Architektur“

Von Klaus Bunte
Ostönnen. Dorfromantik pur: Rechts die Andreas-Kirche aus dem 12. Jahrhundert mit der vermutlich ältesten spielbaren Orgel der Welt aus dem 15. Jahrhundert. Links einige kleine Häuschen. Sie sind zwar nicht ganz so alt und das Baujahr ist unbekannt, aber in jedem Fall vor 1900 gebaut. Es geht durch eine alte Tür mit Glaseinsätzen hinein und drinnen erwartet einen – keine große Überraschung: ein lichtdurchflutetes, modern eingerichtetes Juwel. Das Inventar hat überwiegend schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. Sechs, um genau zu sein. Dieser Sechziger-Jahre-Charme hat System. Und das soll vorgestellt werden beim „Tag der Architektur“.
Die Veranstaltung zeigt oft spektakuläre Neubauten oder aufwendig sanierte Häuser. In diesem Jahr öffnen vier Objekte aus dem Kreis Soest, neben Gebäuden in Anröchte, Ense und Erwitte eben auch das Wohnhaus „Kirchplatz 7“. Es wirkt überhaupt nicht glamourös – doch genau das ist auch das überaus pragmatische Konzept der Architektin Dorothee Linneweber. Die gebürtige Soesterin betreibt ein Büro in Düsseldorf und eines in Soest, lebt selbst in Ostönnen. „Daher liegt mir der Ort am Herzen.“
„Gebrauchte Häuser – Neues Wohnen im Dorfkern“ nennt sie das Projekt. „Im Vordergrund steht jetzt nicht so sehr ein besonders schickes Design“, sagt sie. Entscheidend seien vielmehr „eine angemessene Entwicklung sowie ein angemessenes und zukunftsfähiges Weiternutzen des Baubestandes“. Insofern: Wer ein Hochglanzprojekt sehen wolle, werde hier enttäuscht. „Der würde dann sagen: Aber das ist ja nur ein altes Haus.“ Ihr dagegen gehe es darum, zu zeigen, „dass Bauen viel vielfältiger ist“.
Viel Eigenleistung investiert
Bereits im vergangenen Jahr hatte Linneweber mit dem benachbarten Haus 8 ein ähnliches Konzept beim Tag der Architektur vorgestellt. Nun öffnet sie das Nachbarhaus für Besucher. Während sie beim ersten Projekt schon mit vergleichsweise wenigen Eingriffen gearbeitet habe, habe sie das Prinzip nun „noch mal so ein bisschen auf die Spitze“ getrieben.
Vieles sei in Eigenleistung entstanden, zahlreiche vorhandene Möbelstücke blieben erhalten oder wurden aufgearbeitet. Auch aus dem Dorf habe sie Möbel und Ausstattung geschenkt bekommen, weitere gebraucht im Internet und auf Trödelmärkten gekauft.
Auch dies hat pragmatische Gründe: Nach dem Kauf können Renovierungskosten nur dann sofort steuerlich abgesetzt werden, wenn diese 15 Prozent des Kaufpreises innerhalb der ersten drei Jahre nicht überschreiten.
Der frühere, hochbetagte Eigentümer hatte sein Haus gegen eine stationäre Pflege eintauschen müssen und verstarb bald darauf. Bereits mit seinem Auszug wussten die Erben laut Linneweber nicht, was mit dem Gebäude geschehen sollte. Schließlich sei die Kirchengemeinde an sie herangetreten. Sie kaufte es kurzerhand.
Heute entsteht dort ein Co-Housing-Projekt für drei Mietparteien – gedacht als gemeinschaftliche Wohnform für Berufstätige mit Erst- oder Zweitwohnsitz in Soest. Daher ist es auch möbliert, „denn wer aus dem Ausland kommt, um hier zu arbeiten, bringt weder seine Möbel mit noch fährt er als Erstes direkt ins Möbelhaus.“
„Das Prozesshafte, das Greifbare“ stehe dabei im Mittelpunkt, sagt die Architektin. Architekturstudenten aus Berlin hätten direkt am Projekt gearbeitet und dort unterschiedliche Techniken erprobt.
Gerade darin sieht Linneweber auch einen Beitrag zur Entwicklung ländlicher Ortskerne. Während über leerstehende Ladenlokale in Städten viel gesprochen werde, komme die Zukunft der Dorfkerne oft zu kurz. In Ostönnen wolle sie deshalb zeigen, „dass sich in gebrauchten Häusern, im gebauten Bestand“ großes Potenzial verberge. Häuser seien eben „keine Häuser, die irgendwie nur noch zum Abriss taugen“. Vielmehr könne man „in sehr, sehr vielen Fällen was daraus machen“.
Das Gebäude selbst solle sich dabei bewusst zurücknehmen. Die Fassade erhielt keinen auffälligen neuen Look. „Wir wollen auch gar nicht von der Kirche ablenken“, sagt Linneweber. Das Haus solle sich weiterhin selbstverständlich in das Ortsbild einfügen. Architektur dürfe aus ihrer Sicht nicht nur Ausdruck von Selbstdarstellung sein: „Wofür ist denn ein Haus da? Wofür soll das nutzen? Wofür hat es bisher seine Zwecke erfüllt? Und wofür soll es das in Zukunft?“
Dabei gehe es auch um den Umgang mit gewachsenen Dorfstrukturen. Was Menschen an historischen Altstädten oder italienischen Ortskernen schätzten, seien gerade „das Verwinkelte, das Gebaute im menschlichen Maß“. Wenn solche Häuser einmal verschwänden, seien sie unwiederbringlich verloren.
Beim Tag der Architektur setzt Dorothee Linneweber deshalb weniger auf spektakuläre Effekte als auf Austausch und Diskussion. Besucher sollen sehen, wie sich alte Gebäude mit einfachen Mitteln weiterdenken lassen – und welche Möglichkeiten auch in vermeintlich unscheinbaren Häusern stecken.
Termin/Info
Geöffnet ist das Haus am Kirchplatz 7 in Ostönnen am Sonntag, 28. Juni, von 14 bis 18 Uhr. Mehr unter www.linneweber-architektur.de
Infokasten: „Tag der Architektur“
Der „Tag der Architektur“ ist bundesweit als Architektur-Event vor den Sommerferien fest etabliert. Architekten, Innenarchitekten, Landschaftsarchitekten sowie Stadtplaner sind vor Ort und stellen – gemeinsam mit ihren Auftraggebenden – neue oder erneuerte Bauten vor, erläutern architektonische Besonderheiten und beantworten Fragen der Besucher. In Nordrhein-Westfalen werden Projekte präsentiert, die in den vergangenen fünf Jahren im Bundesland realisiert wurden; für Objekte der Landschaftsarchitektur und Stadtplanung gilt eine Frist von acht Jahren.
Infos unter: www.aknw.de/tag-der-architektur-2026
