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"Wir sind Schwesterkathedralen"

5.8.2026

65 Mitarbeiter der Kölner Dombauhütte besuchen Wiesenkirche

Steinmetzin Nele Dreizehner führte die Gäste aus Köln durch die Dombauhütte.

Von Klaus Bunte

Soest/Köln. Es sieht aus wie geleckt in der Dombauhütte. Daher brennt einem der Kollegen aus Köln eine Frage mehr auf den Nägeln als alles Fachliche: „Habt Ihr sie für heute extra herausgeputzt oder sieht das immer so aus bei Euch?“ Steinmetzin Nele Dreizehner kann stolz berichten: „Nein, es sieht wirklich immer so aus hier. Es wird hier unfassbar auf Sauberkeit und Ordnung geachtet, schon aufgrund der quarzhaltigen Steine“, deren feinen Staub man nicht dauerhaft einatmen sollte, „wollen nicht durch irgendwelche Schutt- und Geröllhaufen hier zusätzlichen Staub verursachen. Jeder arbeitet sauber in seiner Kabine, außerdem müssen wir unser Werkzeug so schnell wie möglich finden und an der Hand haben.“

 

Hoher Besuch von 65 Kollegen einer Dombauhütte, die sich um den Erhalt einer Kirche kümmert, die der Soester Wiesenkirche zwar sehr ähnelt, aber doch unähnlich ist in den Dimensionen: fast dreimal so lang, gut dreimal so breit, die Türme sind knapp doppelt so hoch, die Grundfläche ist fast sechsmal größer, das Innenvolumen sogar mehr als fünfzehnmal: die Rede ist vom Kölner Dom. An einem der heißesten Tage des Jahres haben sich die Mitarbeiter, darunter auch einige Ehemalige, im Bus auf den Weg nach Soest gemacht. Es ist ihre diesjährige Studienfahrt, die sie in der Regel in andere Kathedralen führt.

 

Man könnte sich jetzt fragen: Welchen Mehrwert soll der Besuch der vergleichsweise kleinen Wiesenkirche den Vertretern der wohl berühmtesten Kirche Deutschlands bieten? Doch schon beim Betreten bekommen einige von ihnen leuchtende Augen. „Ist das toll“, radebrecht eine junge Amerikanerin, die zusammen mit einer Britin und einer Niederländerin in der hintersten Reihe Platz nimmt, bevor die Gruppe von Pfarrer Kai Hegemann und Dr. Birgitta Ringbeck, 1. Vorsitzende des Vereins Westfälische Dombauhütte an St. Maria zur Wiese Soest, begrüßt werden.

 

Bei dem Trio handelt es sich um Glasrestauratoren. Mayre Maquiné studiert die Fenster mit einem Feldstecher und meint: „Die Schönheit von Glas ist nicht gebunden an die Größe von Gebäuden. Auch der kleinste Bau kann sehr schöne Fenster haben. Wie hier Arbeiten aus unterschiedlichsten Jahrhunderten zu sehen, freut uns immer sehr.“ Und da ist es natürlich das Westfälische Abendmahl, bei dem die Handykameras gezückt werden.

 

Auf der obersten Plattform „der Wiese“ steht Gästeführer Klaus Fischer den fachkundigen Gästen Rede und Antwort zum Ausblick und den Arbeiten. Die kommen ebenfalls mit Aspekten zum Arbeitsplatz um die Ecke, was zu einer freundlichen Kabbelei mit Dr. Ruth Stinnesbeck, der leitenden Archäologin der Kölner Domgrabung, führt und die sich sinngemäß wie folgt zusammenfassen lässt: „Das Gerüst schwankt ein wenig!“ – „Das Ihres Kölner Doms aber doch auch!“ – „Nein, gar nicht!“ – „Wohl!“

 

Andere Ähnlichkeiten zwischen den beiden Sakralbauten wurzeln tief in der Vergangenheit. So räumt Ringbeck ein, dass Johannes Schendeler, der erste Baumeister der Wiesenkirche im frühen 14. Jahrhundert, wohl Beziehungen nach Köln gehabt haben muss, „denn anders kann man sich die Kenntnis der Gotik in so einer vertieften und verinnerlichten Form eigentlich nicht vorstellen. Hier in Soest gab es keine Vorgängerbauten oder Beispiele, die auch nur annähernd diese architektonische Gestaltung hätten vermitteln können“.

 

Für Gunther Rohrberg war der Besuch der Kölner Dombauhütte vor allem eine besondere Auszeichnung für die Arbeit an der Wiesenkirche. Die beiden Dombauhütten hätten zwar ähnliche Aufgaben, setzten ihre Schwerpunkte bei Restaurierung und Sanierung jedoch unterschiedlich. Die Kölner beschäftigten sich mit anderen Fragestellungen als die Soester. Der Austausch eröffne Einblicke in Arbeitsweisen und Verfahren, die man selbst bislang nicht kenne und die für die eigene Arbeit interessant sein könnten. Jede Bauhütte entwickle ihre eigenen Ansätze im Umgang mit historischen Bauwerken, erklärte er. Deshalb profitierten alle Beteiligten von solchen Treffen: „Von daher lernen wir alle immer voneinander.“

 

So sieht es auch Amtskollege Peter Füssenich. Solche Fahrten dienten dazu, die Arbeit anderer Bauhütten kennenzulernen, „deren Arbeit, deren Erhaltungsmethoden erst mal kennenzulernen, zu würdigen und anzuschauen“ sowie in den fachlichen Austausch zu kommen. Gerade dieser Austausch mache die Bauhütten aus. „Wir reden hier auch über das immaterielle Kulturerbe der Menschheit“, sagte Füssenich mit Blick auf die überlieferten Handwerkstechniken, die für den Erhalt großer Kirchen notwendig seien.

 

„Das war ein wunderbarer Austausch“, bilanziert Füssenich. „Wir haben gestaunt über den Umfang dieser Maßnahmen, die Perfektion, in der sie durchgeführt worden sind und vor allem natürlich über die Freundlichkeit, in der uns das alles minutiös erklärt wurde.“

 

Zugleich verwies Füssenich auf die lange Verbindung zwischen Köln und Soest. Schon früher seien Kölner Mitarbeiter in der Soester Bauhütte tätig gewesen und hätten deren Arbeit begleitet. Deshalb könne man durchaus sagen: „Wir sind sozusagen Schwesterkathedralen.“ Die architektonischen Parallelen seien keineswegs zufällig entstanden.

 

Für die Wiesenkirche selbst fand der Kölner Dombaumeister außergewöhnlich lobende Worte. Die Kirche sei „eine der schönsten Hallenkirchen, die wir in Deutschland überhaupt haben“. Beeindruckend seien die Fenster ebenso wie der gesamte Raumeindruck. Auch die historische Bedeutung stellte er heraus: „Soest ist wirklich eine sehr bedeutende Stadt.“ Die Wiesenkirche besitze „historische Bedeutung für ganz Deutschland“, und genau das merke man immer wieder, wenn man das Gotteshaus besuche.

Gästeführer Klaus Fischer zeigte den Gästen den Fortschritt der Sanierungsarbeiten auf der obersten Ebene des Nordturms.

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