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Das Geheimnis des Turmbauers
7.10.2026
Experiment mit Kirche Alt St. Thomä als Escape Room ist gelungen

Von Klaus Bunte
Soest. „An den ehrlichen Finder dieser Schatulle“, beginnt der von Hand geschriebene Brief, verfasst in erstaunlich modernem Hochdeutsch – dafür, dass er angeblich vor mehreren hundert Jahren zu Papier gebracht worden sein soll.
„Ich, Hans, Werkmeister zu St. Thomä, habe viele Jahre am Turm der Kirche gearbeitet. Stein um Stein wurde gesetzt, oft bei Regen, Wind und großer Mühe. Doch wir bauten dieses Gotteshaus zur Ehre Gottes. Während dieser Zeit wurde mir etwas anvertraut, das wertvoller ist als Gold oder Silber. Viele werden daran vorbeigehen, weil sie nur nach Reichtum suchen. Darum habe ich diese Schatulle verborgen. Wer mit Geduld, Verstand und offenem Herzen sucht, wird das Vermächtnis finden.“
Klar, im authentischen Frühneuhochdeutsch hätte der Brief eher so begonnen: „Ich Hans, Werckmeister zu S. Thoma, hab vil Jar an disem Thurn gearbeitet …“. Aber das verstehen heute allenfalls Germanisten und Historiker. Und einen solchen Text zu entschlüsseln? Der Raum barg schon genügend Rätsel. Und die sollten schließlich Spaß machen und nicht überfordern.
Die Evangelische Jugendkirche hatte den „Schiefen Turm“ – oder genauer gesagt das Kirchenschiff von Alt St. Thomä – in den ausgehebnden Sommerferien für zwei Wochen in einen Escape Room verwandelt. Insgesamt 34 Gruppen nutzten das Angebot, das damit vollständig ausgebucht war.
Die Teilnehmergruppen waren dabei höchst unterschiedlich zusammengesetzt: Großeltern mit Kindern und Enkeln, Freundesgruppen, Familien, Vereine, Jugendgruppen und gemischte Gruppen verschiedener Altersstufen machten sich auf die Suche nach dem Vermächtnis des Werkmeisters.
Sascha Herchenröder, Jugendreferent der Jugendkirche Soest, und seine Partnerin Tanja Wolldach sind absolute Fans solcher Spiele. „Etwa fünfzehn Räume haben wir schon besucht“, erzählt er und gerät dabei auch über den Escape Room in der alten Windmühle im Soester Süden ins Schwärmen. Nach einer ersten Aktion in den Räumen der Jugendkirche hatte er nun seinen eigenen Escape Room im „Schiefen Turm“ eingerichtet.
Dabei hielt er sich konsequent an das historische Setting: „Hier gibt es keine Codes auf modernen Magnettafeln.“ Schließlich galt es, Rätsel zu lösen, die im 16. Jahrhundert angelegt worden sein sollen. Worum es bei dem großen Geheimnis ging, durfte natürlich nicht verraten werden. Nur so viel sei verraten: Das Rätsel stand in engem Zusammenhang mit der Baugeschichte von Alt St. Thomä.
Den Einstieg bildete der geheimnisvolle Brief – in einer kürzeren Version für jüngere und einer ausführlicheren für erwachsene Teilnehmer. Das Schreiben soll angeblich bei Renovierungsarbeiten entdeckt worden sein. Nun machten sich die verschiedenen Teams von „Archäologen“ daran, das Vermächtnis des Werkmeisters zu entschlüsseln.
„Man ist immer wieder überrascht, wie gut die Jugendlichen bereits um die Ecke denken können“, hatte Herchenröder im Vorfeld gesagt. Wie sich zeigte, war gerade die unterschiedliche Zusammensetzung der Gruppen eine der interessanten Erfahrungen des Projekts. Ältere Teilnehmer konnten häufig auf einen größeren Erfahrungsschatz und mehr Allgemeinwissen zurückgreifen.
Jüngere gingen dagegen oft unvoreingenommen an die Rätsel heran, probierten Dinge aus, dachten ungewöhnliche Wege weiter und ließen sich stärker auf die Atmosphäre und Geschichte des Raumes ein. Gerade heterogene Gruppen mit unterschiedlichen Altersstrukturen und Lebenswelten funktionierten besonders gut.
Die Hinweise hatte Herchenröder ausschließlich dort versteckt, wo weder sie noch die Suche nach ihnen Spuren hinterlassen konnten, „gerade diese Kirche mit ihrem überschaubaren Inventar eignet sich dafür hervorragend. Außer der Orgel, die ebenso wie der gesamte Bereich unter der Empore mit Flatterband abgesperrt war, gab es kaum sensible Bereiche.
Das Ziel des Projekts bestand allerdings nicht allein darin, möglichst schnell alle Rätsel zu lösen. Die Teilnehmer sollten die Kirche auf eine andere Weise kennenlernen. Historische Informationen, Kirchenarchitektur und christliche Inhalte waren in die Geschichte und die Rätsel eingebaut. Taizégesänge rundeten die Atmosphäre ab.
„Durch das gemeinsame Suchen und Entdecken wurde der Kirchenraum für viele Teilnehmer zu einem Ort, den sie neu wahrnahmen“, so Herchenröder. Der Escape Room verband damit Spiel, Geschichte, Kirche und gemeinsames Erleben.
Für Herchenröder selbst lag ein besonderer Reiz darin, zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Gruppen an die Aufgaben herangingen. „Der Escape Room hat auch mir gezeigt, dass man bei der Entwicklung eines solchen Projektes nie genau vorhersehen kann, welche Wege Menschen zur Lösung nehmen“, lautet sein persönliches Fazit.
Besonders gefreut habe ihn zudem die große Unterstützung durch die Ehrenamtlichen und alle, die bei der Vorbereitung geholfen hatten.
Dass die Kirche nach Ende der Aktion wieder genau so aussah wie zuvor, war Herchenröder auch aus einem anderen Grund wichtig: Für den hohen Arbeitsaufwand wäre ein einmaliges Projekt zu schade.
Aufgrund der positiven Erfahrungen soll der Escape Room deshalb im kommenden Jahr wiederholt werden – möglicherweise mit einer neuen Geschichte und neuen Rätseln. Als Zeitraum sind erneut die letzten beiden Wochen der Sommerferien vorgesehen. Die konkrete Planung soll im kommenden Jahr beginnen. Die Neuauflage wird dabei besonders stark gemeinsam mit den Ehrenamtlichen entwickelt und umgesetzt werden.
