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Marienkirche Teil des Kirmestrubels
7.10.2026
Experiment: Gotteshaus erlebt während Herbstwoche weltliche Wandlung

Lippstadt. Die Kirchenbänke rücken zur Seite, Loungemöbel und Theke ziehen ein. Vor dem alten Altar legt ein DJ auf, im Glas perlt Champagner: Zur Herbstwoche erlebt die Marienkirche eine weltliche Wandlung. Und der Messwein schlägt die Brücke zwischen Gotteshaus und Weinlounge.
Die Evangelische Kirchengemeinde wagt zur Jubiläums-Kirmes ein Experiment. Zehn Tage lang wird ein 240 Quadratmeter großer Teil der Marienkirche zur Party-Lounge. Betrieben wird sie vom Lippstädter Weinhändler Walter Beisler.
Für die einen ist das ein origineller Coup: Mächtige Säulen, jahrhundertealtes Gewölbe – viel imposanter kann eine Partylocation kaum sein. Andere dürften zumindest kurz schlucken – und das nicht wegen der Spirituosen. Darf man das? Sich in Loungemöbel fletzen, chillen, trinken, tanzen an diesem sakralen Ort? „Wir haben hin und her überlegt“, sagt Anja Krücken, Vorsitzende des Presbyteriums.
Am Ende stimmte das Gremium geschlossen für die Premiere. Damit wird die Marienkirche, um deren Turm sich Jahr für Jahr das Kirmesgeschehen dreht, erstmals selbst Teil des Trubels – allerdings mit klaren Grenzen. Der vordere Bereich mit dem Altar wird durch Loungemöbel abgeriegelt, anthrazitfarbener Teppich schützt die alten Steinplatten. Feiern ja, aber mit Stil. „Eine reine Partyveranstaltung mit Bier und ein paar Bechern hätten wir nicht gemacht“, sagt Johannes Althoff vom Presbyterium.
Krücken sieht den Schritt ohnehin weniger verwegen, als er zunächst klingen mag. Mehr als 800 Jahre steht die Marienkirche schon. „Hier sind sicherlich viele Feste gefeiert worden, Gelage“, sagt sie. Althoff formuliert es etwas deftiger: „Was glauben Sie, was hier früher gelaufen ist?“ Und ganz fremd sind sich Kirche und Kirmes auch sprachlich nicht: Das Wort Kirmes geht auf die Kirchmesse zurück, also die Messfeier zur Einweihung einer Kirche.
Für Krücken und Althoff steckt hinter dem Experiment mehr als die Frage, ob Wein und DJ-Musik in eine Kirche gehören. „Die Marienkirche ist der zentralste Ort der Herbstwoche für mich. Mittendrin – und trotzdem war sie immer dunkel und geschlossen“, sagt Althoff. Zum 100-jährigen Jubiläum soll sich das ändern. Ein Gotteshaus soll schließlich ein Ort sein, an dem Menschen zusammenkommen. Dafür müssen sie allerdings erst einmal hineingehen. Und genau das tun immer weniger. „Wir brauchen doch Leben in der Kirche“, sagt Althoff.
Für zehn Tage werden die Schwellen deshalb denkbar niedrig. Die beiden großen Türen – zur Marktstraße und zur Rathausstraße – stehen offen, die Weinlounge öffnet zu den üblichen Kirmeszeiten. Unter dem Motto „Wein & Light“ soll der Innenraum stimmungsvoll illuminiert werden.
An einigen Tagen kommt ein besonderes Programm hinzu. Bei der „Big-Bottle-Party“ am Samstag, 17. Oktober, schenkt Beisler Weine aus 1,5-Liter-Magnumflaschen aus. Am Dienstag, 20. Oktober, ist eine besondere Illumination geplant, am Donnerstag, 22. Oktober, wird die Kirche ab 17 Uhr zur After-Work-Location. Am Samstag, 24. Oktober, folgt Beislers Wein-Nacht.
Im Glas gibt es Rot-, Weiß- und Roséweine, Sekt und Champagner sowie hochwertige Spirituosen. Und natürlich Messwein. Der hat an diesem Ort schließlich Heimvorteil. Messwein hat traditionell etwas mehr Wumms. „Zusätzlicher Alkohol macht ihn haltbarer, damit eine angebrochene Flasche länger verwendet werden kann“, erklärt Beisler.
In den vergangenen vier Jahren stand sein Weinausschank in der Absenkung der Marienkirche. Diesmal vergab die KWL den Platz anderweitig. Beisler bekam einen neuen Stand am Rathaus – und zusätzlich die Gelegenheit, ins Gotteshaus zu ziehen. „So glorreich, so glamourhaft war es noch nie“, sagt der Weinhändler. Und der Platz hat einen sehr weltlichen Vorzug: Er ist wetterfest.
Althoff traut der Weinlounge sogar zu, ein „Highlight der Herbstwoche“ zu werden.
Ob daraus eine neue Kirmes-Tradition wird, will das Presbyterium erst im Nachklang entscheiden. Für Althoff lässt sich der Erfolg aber nicht allein an Besucherzahlen messen. Der schönste Erfolg wäre für ihn, wenn hinterher jemand sagt: „Mensch, ich war 20 Jahre nicht in der Kirche, aber ich habe sie jetzt für mich wiedergefunden.“
