Der Pfarrer aus dem Internet

Erstellt am 30.03.2020

Von Hans-Albert Limbrock

WELVER. Not macht erfinderisch. Das gilt auch für die Pfarrerinnen und Pfarrer in den Gemeinden des Evangelischen Kirchenkreises Soest-Arnsberg. In Zeiten von Corona, in denen Gottesdienste und Andachten ausfallen und Kirchen vielerorts geschlossen bleiben müssen, handeln viele Seelsorger nach dem Motto: Könnt Ihr nicht zu uns kommen, kommen wir zu Euch – und zwar digital.

Einer dieser Pfarrer ist Andreas Herzog von der Kirchengemeinde Niederbörde. Er hat einen ungenutzten Raum im Turm der Schwefer Kirche in ein gut ausgestattetes Aufnahmestudio umgewandelt, aus dem er digitale Glaubens-Botschaften versendet. „Das ist meine Digitalwarte“, sagt Herzog und zeigt nicht ohne Stolz auf das Equipment im Online-Studio, das er sich mit Hilfe der Kirchengemeinde angeschafft hat.

Seit dem  vergangenen  Wochenende ist er auf Sendung. Mit Unterstützung von Jugendpresbyterin Annika Schönfeld hat er einen ersten Beitrag eingestellt: Einfach im Suche-Fenster von youtube „Evangelische Kirchengemeinde Niederbörde“ eingeben und schon kommt Herzog vollkommen kontaktfrei ins Wohnzimmer.

„Ich finde, dass wir hier ein wunderschönes Studio haben“, freut sich Andreas Herzog, dass er nun die Möglichkeit hat, seine Gläubigen („und auch die mit freundlicher Distanz zur Kirche“) problemlos mit kleinen Digital-Botschaften zu erreichen. Mindestens einmal pro Woche will er einen etwa fünf Minuten langen Beitrag aufnehmen, bearbeiten und dann online stelle.

Auch für die anderen Pfarrer der Niederbörde steht das Aufnahmestudio im historischen Ambiente zur Verfügung. „Da wird es sicher auch noch das eine oder andere klassische Wort zum Sonntag geben“, ist Herzog überzeugt, dass seine Kollegen von dem Angebot Gebrauch machen werden.

Bevor der Pfarrer das erste Mal den Aufnahmeknopf an der neu angeschafften Kamera drücken konnte, war allerdings erst einmal Schweiß angesagt, denn der Raum im 870 Jahre alten Kirchturm war voller Gerümpel, Staub und Taubendreck. Gemeinsam mit Presbyter Wilfried Eickhoff hat Herzog mehrere Male kräftig in die Hände gespuckt: „Beim Ausfegen haben wir das eine oder andere Mal regelrecht Schnappatmung bekommen“, lächelt der Digital-Pfarrer.

Ein bisschen stimmungsvolles Licht, die bunten Strahler waren in der Gemeinde bereits vorhanden, eine gute Kamera, dazu ein Laptop – und schon war die Digitalwarte fertig und sendebereit. Damit das gesprochene Wort auch gut rüberkommt, schreibt Herzog den Text vorher ins Laptop und benutzt diesen dann wie einen Teleprompter, wie das auch die Nachrichtensprecher im TV tun.

„Natürlich ist das alles noch ein wenig improvisiert“, sagt der Pfarrer, „aber ich finde, das Ergebnis kann sich sehen lassen.“ Das bestätigen auch die Zahlen auf youtube. Immerhin über 550 Mal wurde der Premieren-Beitrag innerhalb von zwei Tagen angeklickt. So viele Gottesdienstbesucher kommen sonst allenfalls Weihnachten in die Kirche.

Andreas Herzog: „Noch ist das ein zartes Pflänzchen, aber wir zeigen als Kirchengemeinde, dass wir auch in schwierigen Zeiten für einander da sind.“ Der nächste Beitrag ist bereits in Vorbereitung, „denn zum Ausruhen haben wir in diesen schwierigen Zeiten keine Zeit“, sagt der Pfarrer und macht sich wieder frisch ans digitale Werk.

 

https://m.youtube.com/watch?v=4Aou6i4JMkA&feature=youtu.be

 

 

Das ungenutzte Turmzimmer in der St. Severin-Kirche hat Andreas Herzog in ein Digitalstudio umgewandelt. „Das ist meine Digitalwarte“, sagt er nicht ohne Stolz. Fotos: Hans-Albert Limbrock

Wenn der Pfarrer aus dem Internet zu den Gläubigen spricht. Auf youtube stellt Andreas Herzog seine Beiträge online.