Plötzlich hielt das Leben den Atem an

Erstellt am 09.06.2020

Von Rotraud Grün

NEUENGESEKE – „Endlich findet wieder ein Gottesdienst statt."  Dass Strahlen der vier Neuengeseker Frauen war trotz Mund-Nasenschutzmasken zu erkennen. Sie freuten sich, dass die Evangelische Kirchengemeinde nach wochenlanger Zwangspause am Himmelfahrtstag zum Freiluftgottesdienst auf die Wiese im Bereich der Kirche St. Johannes der Täufer eingeladen hatte.

Wie all die anderen Gläubigen, die frohen Mutes den Weg zur Kirche gefunden hatten,  nahmen sie gern die vorgeschriebenen Auflagen in Kauf. Das bedeutete Mund-Nasenschutz im sogenannten Eingangsbereich,  Eintragen in eine Namensliste und Hände desinfizieren. Erst dann führten Frauke Seume-Rusche und Ute Schulte-Overbeck die Frauen und Männer in den Gottesdienstbereich, wo sie auf Stühlen mit drei Metern  Abstand Platz nehmen durften.

„Hauptsache, wir können auch wieder singen. Ohne die schönen Kirchenlieder ist es doch kein Gottesdienst", freute sich Helma Blasius auf ein für sie wichtiges Element der kirchlichen Feierlichkeit. „Genauso ist es", erklärten weitere Gottesdienstbesucher. Fröhlich und aus ganzem Herzen stimmten sie in die Lieder ein, die  Organist Franz-Josef Thismann auf dem Keyboard begleitete.

Ein Gottesdienst in der Kirche ist derzeit wegen der Renovierungsarbeiten nicht möglich. Im Gemeindehaus, das schon vor Corona für Gottesdienste hergerichtet worden war, hätten jetzt, während der Krise und aufgrund der Abstandsregelung maximal zehn Personen Platz gefunden. Gesang wäre nicht möglich gewesen.

„Wir hatten überlegt, zu summen. Doch das passt einfach nicht in einen Gottesdienst", erklärte Ute Schulte-Overbeck. So wurde die Idee geboren, das schöne Wetter zu nutzen und die Gottesdienste unter Auflagen im Freien zu veranstalten. Erstmals nahmen am Himmelfahrtstag an die 50 Gläubige auf der Wiese Platz und genossen nicht nur den Gottesdienst sondern auch den Blick auf die schöne Kirche.

„Mit einer so guten Resonanz hatten wir gar nicht gerechnet", zeigten sich die beiden Frauen, Mitglieder des Presbyteriums,  erfreut.

Die Gläubigen aus dem Kirchspiel Neuengeseke mussten viele Wochen  ausharren, um sich wieder im kirchlichen Bereich zu versammeln. „Plötzlich hielt das Leben den Atem an", erklärte Pfarrer Dietrich Woesthoff, der im Dialog mit Ute Schulte-Overbeck eine eindrucksvolle Predigt präsentierte.

„Wir hatten soviel vor. Vor Ostern, an Ostern, und danach. Doch dann kam alles anders. Kontaktsperre, Abstand, Kurzarbeit, Mundschutz", nannte der Pfarrer nur einige der plötzlichen Veränderungen, die das gewohnte Leben torpedierten.

„Meine Generation hat sowas noch nicht erlebt", erklärte Ute Schulte-Overbeck und zog wie Pfarrer Woesthof Parallelen zur biblischen Geschichte der Osterzeit, die plötzliche Verzweiflung brachte.  „Aus Angst, ebenfalls getötet zu werden, schlossen sich die Jünger von Himmelfahrt bis Ostern in ihre Häuser ein", deutete der Pfarrer auf weitere Ähnlichkeiten zur Coronakrise und der damit verbundenen Kontaktsperre hin.

Am Ende stand  die Hoffnung, dass alles gut, besser aber anders wird.  Eine Predigt, die den Zeitgeist am Nerv traf, regte die Gläubigen zum Nachdenken an. „Und jetzt singen wir. eh aus mein Herz und suche Freud", forderte Dietrich Woesthoff zu Optimismus auf.

„Das war ein schöner Gottesdienst", waren sich die Besucher einig und freuten sich schon jetzt auf weitere gehaltvolle Stunden mit Gesang und eindrucksvollen Worten unter freiem Himmel in Gottes schöner Natur.

Gottesdienst in Zeiten von Corona – ohne Warnhinweise geht es nicht.

Frauke Seume-Rusche (links) bat die Besucher des Freiluftgottesdienstes, sich in eine Namensliste einzutragen. Fotos: Rotraud Grün

Pfarrer Dietrich Woesthoff freute sich viele Besucher des Gottesdienstes in der schönen Natur im Bereich der Kirche Johannes der Täufer begrüßen zu dürfen. Mit drei Metern Abstand zum Nachbarn durften diese Platz nehmen.